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2. Preis – Temporäre Eisschnelllaufhalle für Olympia 2018

Daria Kokscharova | Technische Universität München

Abb.: Daria Kokscharova

Laudatio der Jury
Die leichte, filigrane Konstruktion, eingebettet in die Parklandschaft, ist in der Nähe der großen Vorbilder der Olympiabauten von 1972 gut vorstellbar. Initiiert von der kühlen Wirkung der Eisfläche entscheidet sich die Verfasserin für einen Kanon aus transluzenten und transparenten Hüllmaterialien. Das daraus resultierende milde Licht bindet den Raum atmosphärisch gut zusammen. Der nachhaltige Ansatz wird durch die gewichtsminimierte Konstruktion, die Nachnutzung und das Recyclingpotenzial glaubwürdig verfolgt. Die Arbeit ist von den Außenanlagen, über die vielfältigen Nutzungsansprüche, das Tragwerk und die Detaillierung sehr konsequent durchgearbeitet.
Die Jury

 

Konzept
Eine Olympiade ist eine große Herausforderung für eine Stadt. Das Ansehen und der gute Ruf
sind sehr wichtige Folgen eines solchen Ereignisses und sie sind unter anderem abhängig von
der Architektur der Olympiabauten. Deshalb finde ich es wichtig auch für temporäre Bauten den
Aspekt der Prestige und der Gestaltung zu berücksichtigen.

Abb.: Daria Kokscharova

Das Konzept der „Olympischen Landschaft“ von dem Architekturbüro Behnisch & Partner findet
die Erweiterung in dem neuen Eischnelllaufstadion. Die künstliche „Naturlandschaft“ zieht sich
weiter nach Norden und bildet einen Hügel um das Stadion herum. So wird das neue Gebäude
durch das Relief akzentuiert; es entsteht eine natürliche Bewegungsführung zwischen dem
Olympia-Park und dem neuen Parkgebiet mit dem Stadion. Die Topographie wird auch im Inneren
des Eisschnelllaufstadions spürbar. Der Bezug Innen-Außen, das fließende Relief und ein
leichtes, schwebendes Dach – das sind die wichtigsten Elemente dieses Entwurfs.
Das Oval ist eine der ältesten antiken Formen für Sportnutzungen. Diese Form entspricht unseren
Vorstellungen eines klassischen Stadions. Um die Identität des Gebäudes zu unterstreichen,
wurde diese Form für den Grundriss und die Überdachung ausgewählt. Doch ist diese Form
nicht in jeder Tragkonstruktion machbar und logisch. Die Speichenradkonstruktion ermöglicht
es ein leichtes ovales Dach zu schaffen, das schnell zu montieren ist und einen eindrucksvollen
Raum bildet. Die Überdachung lagert auf nur 20 Stützen, was das Dach zum Schweben bringt.
Die eingespannten Stahlstützen „wachsen“ aus dem Boden und geben dem aufgelösten, hauptsächlich
aus Seilen bestehenden Speichenradring eine sichere Basis.

Der Druckring der Dachkonstruktion ist als Dreigurtträger ausgebildet. Die einzelnen Metallstäbe
sind mit den geschweißten Knoten verschraubt, was eine einfache Montage und Demontage
ermöglicht. Der Querschnitt des Druckringes bleibt nicht über die ganze Länge konstant,
sondern wird an den flachen Seiten des Ovals breiter. Der Schwung des Daches folgt dem des
Reliefs entgegengesetzt. Dadurch öffnet sich die Fassade im Süden und Norden und gibt einen
wunderbaren Blick auf den Olympiapark frei. Der Schwung des Druckringes hat außerdem auch
statische Gründe, da er die unregelmäßig verteilten Kräfte im Oval ausgleichen muss.

Foto.: Daria Kokscharova
 
Konstruktion
Der stützenfreie Innenraum ist eine wichtige Voraussetzung für Eisschnelllauf. Das Prinzip des
Speichenrades findet hier beim Überspannen der großen Dachflache seinen Einsatz. Das Rad
wird zu einem Oval umgebildet, um es besser der Laufbahnform anzupassen. Die Speichen
spreizen sich nach außen, wo der Druck durch einen Dreigurtring aufgenommen wird. Um
die Mitte des Stadions zu überdachen, wird ein pneumatisch gestütztes Membrankissen eingehängt.
Diese in sich steife Dachstruktur ruht auf 20 eingespannten Stützen. Die Einspannung
der Stützen erlaubt es auf die Auskreuzungen zu verzichten und die Fassade frei und
ungestört von allen Richtungen zugänglich zu machen. Der polygonale Druckring setzt sich
aus 120 geschweißten Knoten und den an die Knoten angeschraubten Stahlrohren zusammen.
Die Sekundärstruktur besteht aus gebogenen Rohren zwischen den Spannseilspeichen, die zur
Befestigung der Membran montiert werden. Unterhalb der Stahlrohrbögen wird ein Seil zu deren
Unterstützung gespannt. Die Membran wird in die Kederprofilschiene auf dem Rohrbogen
eingezogen. Am hinteren Dachrand wird die Membran durch Girlandenseile und Pressleisten
vorgespannt und um die Entwässerungsstelle an der Fassade herum geführt.
In der Radialrichtung werden die einzelnen Membranflächen mit Hilfe von Klemmprofilen und
Haltebügeln an das untere Spannseil angeschlossen, der Stoß wird durch eine überlappende
Membran wasserdicht ausgeführt.

Entwässerung: Das Wasser läuft von der gewölbten Membran im Bereich der Stahlrohrbögen in
die Rinne über dem Spannseil. Das Regenwasser fließt nach hinten zu dem Anschluss mit der Fassade,
wo es in einem innenliegenden Fallrohr in der Fassadenebene abgeleitet wird.
Die funktionale Ebene, ein Geschoss tiefer, ermöglicht die Erlebnis-Ebene und bedient sie. Hier werden alle Bereiche erschlossen: der Sportlerbereich, der Presse- und Zeitnahmebereich, die Technikräume und alle anderen Nebenräume.

Der Übergang zwischen Innen und Außen wird durch eine transparente Fassadenhaut definiert.
Die Tribünenreihen und die Umlaufende Erschließungsfläche folgen dem Relief und sind ein Teil
der Landschaft. Gleich beim Betreten der Halle kann sich der Besucher einen Überblick über
den gesamten Raum verschaffen. Alles ist sofort ersichtlich: die Tribünen, der Erschließungsweg
entlang der Fassade, die Landschaft des Olympiaparks und das leichte Membrandach. Durch
die Einbindung der Halle in den Olympiapark soll dieses Teil des urbanen Raumes werden und
damit ein Teil von München. Somit wird die Halle zum Schnittpunkt des internationalen Sportereignisses
und der lokalen Identität.


Raumprogramm und Grundrissorganisation:
Die neue Eisschnelllaufhalle hat 2 Geschosse, die den zwei „Ebenen“ entsprechen: eine „emotionale
Ebene“ und eine „funktionale Ebene“. Die emotionale Ebene ist hauptsächlich für die
Zuschauer konzipiert, die hier nicht nur den Wettkampf, sondern auch die Olympialandschaft
 
Recycling-Konzept
„Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation
ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeiten der zukünftigen
Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.“
Gro Harlem Brundtland

Das Recycling-Konzept berücksichtigt die Nachnutzung des Gebäudes sowie die Wiederverwendung
und stoffliche Verwertung der Materialien in der fernen Zukunft. Eine besondere Herausforderung
bei einem Gebäude in so einer Größenordnung war die Verwendung von möglichst
wenig Beton, alle Anschlüsse leicht montierbar zu machen und auf der Baustelle nicht
schweißen zu müssen. Auch das Eingraben in das Gelände erfolgt ohne eine Betonstützwand
gießen zu müssen - eine Spundwand aus Stahl nimmt den Erddruck auf und dient der Befestigung
der eingespannten Fassade.

Nach den Olympischen Winterspielen ist eine Umnutzung für die Zentrale Hochschulsportanlage
(ZHS) München geplant. So bekommt das ZHS eine neue Sportanlage anstelle der alten
und renovierungsbedürftigen Bauten. Die Halle kann flexibel genutzt werden, je nach Bedarf
und Jahreszeit. Im Sommer kann die aufgeständerte temporäre Eisbahn leicht abgebaut werden
und die stützenfreie, mehr als 12.000 Quadratmeter große Fläche steht anderen Sportnutzungen
zur Verfügung. Außerdem besteht die Möglichkeit das Oval für Konzerte und andere große
Veranstaltungen zu nutzen.
Alle Räume sind in Baucontainern untergebracht. Diese Lösung ist nicht nur kostengünstig, sondern
ermöglicht das einfache Anpassen des Raumprogramms an die spätere Nutzung.
Das Untergeschoss der Halle stellt eine befahrbare Ebene dar und ist für LKWs dimensioniert,
sodass der Transport der Sport- und Eventeinrichtungen leicht möglich sein wird.
Das neue Relief wird die Umgebung vor dem Lärm der nahliegenden Straße schützen und den
Olympiapark nach Norden verlängern. Verschiedene Freizeitaktivitäten werden dem Relief eine
intensive Nachnutzung geben. Die ausgewählte Konstruktion ist leicht und hat eine temporäre
Erscheinung. Außerdem sind Speichenradkonstruktionen relativ schnell zu montieren.
Was passiert aber, wenn die Halle in 50 Jahren nicht mehr gebraucht wird? Alle Anschlüsse sind
so konstruiert, dass die Bauteile einwandfrei auseinander gebaut werden können. Die Fassade
und das Dach sind einschichtig aufgebaut, für Wärme- und Trittschalldämmung werden Fertigteilelemente
benutzt. Das löst das Problem der Schichtentrennung bei der Demontage des
Stadions. Stahl, Glas und Membran- die drei Hauptmaterialien- können durch stoffliche Verwertung
recycelt werden. Auch der Bodenbelag aus PVC ist ein thermoplastischer Werkstoff und
somit vollständig wiederverwertbar. Das in den Recycling-Anlagen gewonnene PVC-Granulat
kann bis zu achtmal ohne Qualitätseinbuße wieder zur Fertigung von einem neuen Bodenbelag
verwendet werden.

Daria Kokscharova

Technische Universität München
Uni. Prof. Florian Musso
Dipl.-Ing. Ursula Schürmann,
Dipl.-Ing. Michael Ziller
Prof. Dr.-Ing. Rainer Barthel 
Dr.-Ing. Matthias Beckh
Dipl.-Ing. André Ihde