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3. Preis – Docking with Nature | Ein Kreuzfahrtanleger für Geiranger

Liliane Blankenburg | RWTH Aachen

Abb.: Liliane Blankenburg

Nutzung | Konzept

Im Zentrum der Aufgabe steht der Geirangerfjord, der zu einer der Hauptattraktionen der norwegischen Westküste und deren malerischer Landschaft zählt. Norwegen ist für seine atemberaubende Natur, die tiefen Fjorde und die hohen bewaldeten Berge bekannt. Diese Landschaft prägt und bestimmt das Bild der Orte sehr und nimmt häufig auch Einfluss auf die Architektur. Am Ende des Geirangerfjords gelegen ist der kleine Ort Geiranger eine wichtige Anlaufstelle für Touristen. Während er dauerhaft lediglich 250 Einwohner beherbergt, steigt diese Zahl in den Sommermonaten durch den Tourismus mit bis zu 300.000 Besuchern stark an. Entscheidend für den Tourismus sind die Passagiere der Cruiseschiffe, die die Bucht vor Geiranger als festes Ziel haben. Diese großen Schiffe bilden einen starken Kontrast zu dem kleinen Ort und der bestehenden Architektur, sodass bisher keine Möglichkeit besteht, diesen Schiffstourismus adäquat einzubinden. So ist es beispielsweise nicht möglich, die Schiffe an eine Infra-struktur anzudocken. Stattdessen müssen die Schiffe in der Bucht ankern und die Stromversorgung durch das konstante Laufen der Motoren gewährleisten. Die Passagiere werden dann mit kleinen Fähren vom Mutterschiff an Land gebracht, wodurch zusätzlich luftbelastende Einflüsse entstehen. So hat sich in den letzten Jahren eine deutliche Luftverschlechterung messen lassen, die die unberührte Natur zu gefährden droht.

Abb.: Liliane Blankenburg

Mit dem Entwurf soll eine Antwort auf diese Probleme gefunden werden: Wie könnten an diesem Ort Schiffe dieser Größenordnung und die Vielzahl an Touristen bewältigt werden, ohne die Landschaft und Umwelt dauerhaft zu schädigen und wie kann es ermöglicht werden, diese wichtige Einnahmequelle mit der Natur in Einklang zu bringen und Norwegens Tourismusslogan “Powered by Nature” zu erfüllen. So stehen bei dem Entwurf und der architektonischen Umsetzung die drei bestimmenden Elemente - Wasser, Technik und Natur - im Vordergrund.

Entwickelt wurde ein Konzept für das gleichzeitige Anlegen von drei Schiffen, an dem die Touristen dezentral an drei verschiedenen Orten in der Bucht ankommen können. Dadurch werden die Touristenmassen innerhalb des Ortes entzerrt und verteilt und Geiranger erhält mit den neuen Anlegepunkte drei prägnante Landmarken. Als hohe Türme stehen sie im Wasser und weisen den ankommenden Touristen den Weg - nicht nur vom Schiff, sondern auch über den Berggipfel kommend sind sie schon von weitem sichtbar. In ihrem Zusammenspiel rahmen die Baukörper nicht nur die Bucht ein, sondern ihre Aussichtsplattformen ermöglichen den Besuchern auch gerichtete Ausblicke über den Fjord und das Bergpanorama.

Neben dieser Bedeutung für den Ort übernehmen die Türme jedoch primär die Abfertigung der Passagiere auf ihrem Landgang in Geiranger. Während das Schiff sich seinen Weg durch den Fjord bahnt, genießen die Passagiere die Aussicht über die Landschaft und das Panorama. Bei der Einfahrt in die Bucht tauchen nach und nach dann die geschlossenen Türme aus dem Wasser auf, in denen lediglich eine aufgelöste Gitterstruktur als fremdes Element sichtbar ist. Sobald sich das Schiff weiter nähert, bietet sich den Passagieren jedoch ein anderes Bild: Ein Turm fängt an sich zu öffnen. Die Gitterstruktur setzt sich in Bewegung und klappt sich nach und nach immer weiter aus dem Turm heraus bis sie irgendwann in der Horizontalen angekommen ist und sich auf das Oberdeck des Schiffs auflegt. Im Gegensatz zu dem sonst üblichen Ablauf verlassen die Passagiere so das Schiff jedoch nicht über die Tenderluken im Rumpf, sondern überschreiten die Klappe und gelangen so wie selbstverständlich in das Turm Innere.

Hier zeigt sich ihnen auf einmal ein anderes Bild. Während der Turm von außen mit einer geschlossenen Hülle umgeben ist, ist er in seinem Inneren in eine offene Skelettstruktur aufgelöst. Lediglich die Klappe in der Öffnung hat dem Betrachter schon vorher auf den Kontrast vorbereitet. Der Innenraum ist geprägt durch die Maschinerie für den Bewegungsmechanismus, der frei sichtbar als Teil der Inszenierung in einer seitlichen Funktionsscheibe liegt. So eröffnen sich für die Besucher immer wieder unterschiedliche Szenarien, je nachdem wann ich den Turm besuche und auch der Charakter des Baukörpers ändert sich, je nachdem wo ich mich befinde. Nach der Ankunft der Schiffe liegen die Türme hinter diesen teilweise verdeckt und warten darauf, dass die Schiffe abends den Fjord wieder verlassen und sie sich wieder schließen können. Dann leuchtet aus der Klappe das Licht aus dem Turm in die Dunkelheit und lässt die Türme erstrahlen.
 

Abb.: Liliane Blankenburg

Gestaltung

Bei der Gestaltung ist sowohl die Materialität des Stahls als auch die Konstruktionsweise ein wichtiger Aspekt. Von außen sind die Türme mit einer Hülle aus feuerverzinkten Stahlplattenelementen umgeben, die ihnen so ein geschlossenes Aussehen verleihen und sie im Kontrast zu der natürlichen Landschaft hervortreten lassen. Lediglich die mit einem Gitterost belegte Öffnungsklappe sticht aus dem homogenen Äußeren hervor und bereitet die Schiffspassagiere auf das Innere im Turm vor.

Im Kontrast zum geschlossenen Äußeren wird das Innere der Türme durch die sichtbare offene Stahlskelettstruktur bestimmt. Der Innenraum ist geprägt durch die Konstruktion und durch die Maschinerie für den Bewegungsmechanismus, der frei sichtbar als Teil der Inszenierung in einer seitlichen Funk-tionsscheibe liegt. Der Besucher kann zuschauen, wie sich die Seile und Rollen, die Gegengewichte und letzendlich auch die gesamte Klappe bewegen. Um diesen Charakter einer Maschinerie zusätzlich zu unterstützen, wurde die Konstruktion bewusst mit Profilstahlelementen geplant, die dem gesamten Skelett durch das Wechselspiel von Stegen und Flanschen noch zusätzlich mehr Tiefe und Abwechslung geben. Alle Konstruktionselemente und Anschlüsse sind frei sichtbar und bestimmen so maßgeblich den Raumeindruck des Inneren.

Als einzig weiteres Element wurden Gitterroste verwendet, die sowohl als Bodenbeläge für die Klappe, Treppe und als Boden im untersten Geschoss verwendet wurden, als auch die Geländer bilden. Dadurch werden diese Bauteile stark aufgelöst und machen es möglich, dass die Besucher das Wasser unter ihnen nicht nur hören, sondern auch sehen können. Außerdem schafft die Gitterstruktur der Klappe eine besondere Lichtstimmung, entweder wenn das Licht immer unterschiedlich in das Innere hineinfällt oder aber wenn in der Dunkelheit das Licht durch die Klappe leuchtet und die Türme erstrahlen lässt.

Konstruktion

Die Konstruktion besteht aus einer Stahlskelettstruktur, die aus genormten Profilstahlbauteitlen zusammengesetzt wird. Hierbei werden für das Haupttragwerk lediglich zwei unterschiedliche Querschnitte verwendet: Als Stützen, die in einem Achsmaß von 6,40m bzw. 3,20m stehen, dienen HE-B 300 und als Träger werden IPE 300 verwendet. Durch die Verwendung dieser Standardprofile sind keine Sonderanfertigungen nötig und auch durch die immer gleichen Querschnitte wird die Anzahl an unterschiedlichen Elementen gering gehalten. Als Dachträger dienen fünf geschosshohe Fachwerkträger, die durch ihre Höhe die Lasten aus den Seilzügen und dem Bewebungsmechansimus für die Klappe aufnehmen können.

Die Außenhülle wird durch großformatige Stahlplattenelemente gebildet, die von einer eigenen Unter-konstruktion getragen werden. Die einzelnen Fassadenelemente werden über Winkel an die Fassadenträger montiert, für die ungleichschenklige L-Profile mit den Maßen 150x75mm verwendet werden. Diese leiten die Lasten aus der Fassade an die Fassadenstützen (IPE 160) weiter, die wiederum über Stahlschwerter an die Stützen des Primärtragwerks rückverankert sind.

Die Brücke wird als ein überspannter Träger ausgeführt, sodass sowohl die Auskragung des Kragarms ausgeführt werden kann, aber auch im Obergurt ein zweiter Auflagerpunkt geschaffen wird. Beide Auflagerpunkte laufen in eigenen Führungsschienen, sind aber starr miteinander verbunden. Durch diese Verbindung zieht der untere Auflagerpunkt den oberen nach. Durch ein Gegengewicht wird die Brücke im geschlossenen Zustand in vertikaler Position gehalten, da dadurch das System im Gleichgewicht ist. Durch einen motorbetriebenen Seilzug wird die obere Rolle in Bewegung gesetzt, so dass die Brücke sich in die Horizontale ausklappt und dann noch 6m weiter nach unten gefahren werden kann und so jeder der drei Türme drei unterschiedliche Schiffshöhen bedienen kann, je nach Einbauhöhe der Klappe.

Bei der gesamten Konstruktion werden sämtliche Verbindungen und Anschlüsse als Schraubverbindungen ausgeführt. Die einzelnen Bauteile werden über Winkel oder Kopfplatten miteinander verbunden, sodass durch diese Verbindungsart und die Wahl für Profilstahlbauteile die einzelnen Elemente als eine Art Baukasten auf die Baustelle geliefert und dann vor Ort schnell und einfach montiert werden können.

Die Aussteifung der Skelettkonstruktion erfolgt durch Windverbände und insgesamt wird die gesamte Struktur über Stahlbetonpfeiler im Wasser gegründet.

Wirtschaftlichkeit | Nachhaltigkeit

Ein wichtiger Aspekt für die Wirtschaftlichkeit und die Nachhaltigkeit des Entwurfs liegt schon in der Problemstellung der Aufgabe und in der letzendlichen Umsetzung des Konzepts: Durch die drei Türme können jetzt drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig adäquat in der Bucht anlegen. Da sie an diesen neuen Anlegestellen über eine externe Energieversorgung mit Strom versorgt werden, müssen die Schiffe nicht mehr konstant den Motor laufen lassen, sondern können ihn für die Zeit des Aufenthalts abschalten. Außerdem ist durch die Türme und ihre Klappen eine Möglichkeit geschaffen worden, wie die Passagiere selbstständig an Land gehen können, sodass auf die Vielzahl an Fahrten mit den Tenderbooten verzichtet werden kann. Diese beiden Neuerungen tragen nachhaltig zu einer Verbessung der Luftqualität bei und zusätzlich können die Kosten für die Tenderfahrten eingespart werden.

Desweiteren trägt die Art der gewählten Konstruktionsweise zu einer guten Wirtschftlichkeit und Nachhaltigkeit des Projekts bei. Durch die Verwendung von ausschließlich genormten Profilstahlbauteilen sind keine aufwändigen und kostenintensiven Sonderanfertigungen nötig und auch durch die Verwendung der immer gleichen Querschnitte wird die Anzahl an unterschiedlichen Elementen gering gehalten. Außerdem können die Querschnitte durch die Leistungsfähigkeit des Materials Stahl kleiner und damit materialsparender dimensioniert werden, als es beispielsweise in Beton möglich wäre. Ebenfalls sind die verwendeten Materialien sehr robust und haben eine lange Lebensdauer.

Darüberhinaus werden die einzelnen Bauteile nur über Schraubverbindungen miteinander verbunden. Nicht nur können diese so zeit- und kostensparend schnell und einfach vor Ort montiert werden, sondern ebenso auch wieder demontiert werden, sollte einmal kein Bedarf mehr für die Türme bestehen. In diesem Fall können dann die einzelnen Bauteile entweder direkt wiederverwertet oder aber durch Einschmelzen recycelt werden.

Masterarbeit
Liliane Blankenberg

RWTH Aachen
betreut durch
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Hartwig N. Schneider
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Anne-Julchen Bernhardt
Dipl.-Ing. Gregor Mikolaschek