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50 Hertz Netzquartier Berlin

H. G. Esch Photography

Auszeichung
'Preis des Deutschen Stahlbaues 2018'
Love architecture and urbanism und Inros Lackner SE

Auszeichung
'Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2019'
Inros Lackner SE

Laudatio | Preis des Deutschen Stahlbaues 2018

Im Stadtbild der Berliner Europacity ist diese markante Raumskulptur mit ihren spektakulären Fassaden aus weißem Stahl und Glas nicht zu übersehen. Geprägt von der Überlagerung verschiedener Tragstrukturen wie den auskragenden Geschossebenen in der Horizontalen, vor allem aber in der Vertikalen mit ihrem außen liegenden Netzwerk tragender Diagonalstützen, drängt sie sich selbstbewusst, zugleich diszipliniert und elegant in den Straßenraum. Diese dominante Primärstruktur macht die vertikale Lastabtragung der Stahlkonstruktion überzeugend sichtbar. Nachvollziehbar auch die Idee des Netzes, das den Unternehmenszweck abstrakt interpretiert. Mit ihrer zurückgesetzten Glashaut erlaubt diese Fassade tiefe Einblicke - gleichzeitig von innen für die Nutzer spannende, weitestgehend stützenfreie Ausblicke.

Neben seinem ausdrucksstarken Tragwerk sowie dem Energie- und Nachhaltigkeitskonzept hat das Gebäude weitere Qualitäten: unterschiedlichste Arbeitsplatzqualitäten, die ein offenes, flexibles, dialog- und teamorientiertes Arbeiten ermöglichen und Raum für differenzierte, individuelle Bürokonzepte bieten.

Laudatio | Ingenieurpreis 2019

Die Wahl des außenliegenden Tragwerks aus Stahlverbundbauteilen ermöglichte weitgehende Freiheiten in der Gestaltung der Innenräume. Die bewusst gewählte unregelmäßige Gestaltung der Außenansicht wurde mit dem gewählten Tragwerk vorbildlich umgesetzt. Die damit verbundene Konstruktion unterschiedlichster Knotenkonstellationen forderte anspruchsvolle Lösungen zur Beherrschung des Kräfteflusses einschließlich der sich daraus ergebenden Lastumlenkungen. Die hohen Anforderungen erstrecken sich von der Detailausbildung in den Anschlusspunkten bis zur lückenlosen Beachtung der Brandschutzanforderungen. Insgesamt stellt die gewählte Konstruktion ein Beispiel für eine intelligente Antwort auf die in dem Projekt zu realisierenden Anforderungen in der Gestaltung dar. Die geschickte Wahl des Tragwerkes rechtfertigt zusammen mit Anwendung moderner Bemessungsmethoden eine besondere Anerkennung dieses Projektes.

19.11.2018 | Die Jury



Erläuterungsbericht von Bernhard Schönherr | Love architecture and urbanism zur Einreichung beim 'Preis des Deutschen Stahlbaues 2018'

ARCHITEKTUR

Gebäudekonzept
Das „50Hertz Netzquartier“ nimmt die volumetrischen Vorgaben des städtebaulichen Masterplans (B-Plan-Entwurf) auf. Architektonisch präsentiert sich das Bauwerk als Überlagerung von drei verschiedenen Strukturen:  

dem horizontalen Rhythmus der Geschoßebenen, dem außenliegenden Tragwerk (netzartige Struktur), und den innenliegenden orangenen Kernen. Die tiefen Geschossplatten bieten Raum für unterschiedlichste Bürokonzepte. So kann jede Abteilung und jedes Team maßgeschneiderte Raumaufteilungen nutzen. 

Jedes Geschoß bietet mehrere Balkone als Freibereiche, die als Arbeitsplatz, zur Kommunikation oder zur Kurz-Erholung genutzt werden können.

Foto: Steffen Spitzner

Das statisch voll wirksame außenliegende Tragwerk aus weißen Stahl-Verbundstützen (Dia-Grid) ermöglicht stützenfreie Innenräume entlang der Fassade und somit eine flexible Innenraumnutzung. Das Tragwerk bestimmt seine  Gestaltung. Das Fachwerk bildet ein Netz aus regelmäßig angeordneten diagonalen Stützen, das den Unternehmenszweck von 50Hertz (Netzbetreiber) abstrakt symbolisiert und eine Referenz an das Eisenbahnareal mit seinen Stahlbrücken und Viadukten rund um den Hamburger und Lehrter Bahnhof darstellt.

Aus der regelmäßigen Diagonalstruktur wurden einzelne Stützen entfernt. Einzige Bedingung dabei war, dass eine noch leicht zu bewältigende freie Spannweite von rund 8,3 m im Kragplattenbereich nicht überschritten werden durfte. Diese spielerische Herangehensweise führte zu einem geometrisch komplex verwobenen Äußeren, ein Fachwerk aus druck- und zugbelasteten Stützen.

Die orangenen Kerne lenken den Blick durch das außenliegende Netz tief in das Innere des Gebäudes. In den Kernen sind alle Lifte, Treppenhäuser, Schächte, Haustechnikräume und WCs gebündelt. Zwei der drei Kerne sind leicht gekippt. 

Flexible Bürolandschaft
Der Entwurf schafft  Räume, die  den angestrebten Kulturwandel des Unternehmens hin zu einer offeneren sowie dialog- und teamorientierteren Arbeitsweise Rechnung tragen.

Die Idee des mit Outdoor-Workspaces durchzogenen, tiefen Baukörpers ermöglicht die Gestaltung  von verschiedenen  Nutzungskonzepten. Jedes  liefert einen anderen Workflow, eine andere  Arbeitsplatzqualität und -atmosphäre. Jedes Layout steht für ein anderes Verhältnis zwischen konzentriertem Arbeiten, informeller Kommunikation und Gärten (Outdoor-Workspaces).

 

Foto: H. G. Esch

Während der Planung konnte jede Abteilung des Unternehmens ihr  Arbeitsumfeld selbst definieren.  Kein Geschoss des Hauses gleicht einem anderen – es entstanden verschiedene Arbeitswelten mit individuellen Qualitäten. 

Nächtliches Beleuchtungskonzept 
Nachts werden einzelne Stützensegmente des außenliegenden Tragwerkes illuminiert und es entstehen dynamische Linien, die  an Wechselspannungskurven erinnern. So wird in der Dunkelheit durch mehr als 200 Architekturleuchten aus einer Netzstruktur eine Linienstruktur und das Erscheinungsbild des Bauwerkes wandelt sich.

Tragwerk
Das äußere Erscheinungsbild des Neubaus in der Europacity wird durch das außenliegende Tragwerk aus geneigt angeordneten stahlummantelten Stützen (420 mm) geprägt. Das spektakulär nach außen gelegte Tragwerk aus weißen Stahl-Verbundstützen (Dia-Grid) ist voll statisch wirksam und ermöglicht stützenfreie Innenräume entlang der Fassade und somit eine flexible Innenraumnutzung. Da die äußere Tragkonstruktion außerhalb der beheizten Gebäudehülle liegt, hatten jahreszeitliche Temperatureinflüsse maßgeblichen Einfluss auf die Bemessung. Die umlaufende räumliche Tragstruktur (Dia-Grid) reagiert empfindlich auf Änderungen der Randbedingungen (Temperatur, Setzungen etc.) und durch die unregelmäßige Stützenanordnungen entstehen komplizierte Lastumlagerungen innerhalb dieser Konstruktion. Die Berechnungen wurden deshalb an einem ganzheitlichen Gebäudemodell mit einer FEM-Software durchgeführt.

Die Decken wurden in allen Geschossen als Flachdecken ausgeführt, um eine möglichst große Flexibilität für die umfangreichen Installationen der Gebäudetechnik zu ermöglichen. Die Decken werden von dem äußeren Stabwerk, schlanken Innenstützen sowie den Treppenhauskernen getragen. Bei der Deckenbemessung wurden die Auflagerverschiebungen im Fassadenbereich durch Temperatureinflüsse berücksichtigt. Aufgrund der Schiefstellung der äußeren Stützen war es erforderlich, die zum Teil sehr großen Abtriebskräfte von bis zu 6.000 kN innerhalb der Deckenränder durch umlaufende Zugbänder aufzunehmen. Dabei musste die dafür vorgesehene Bewehrung mit der regulären Stützenbewehrung im Bereich der 35 cm starken Decken harmonieren. Durch die Anordnung der Stützen ergaben sich verschiedenste Knotenstrukturen, welche aufgrund unterschiedlichster Beanspruchung konstruktiv anzupassen waren. Dabei war stets die einheitliche Optik aller Knotenpunkte einzuhalten.

Die Innenstützen wurden bereichsweise unter Einsatz eines normalen Regelbetons (C50/60) auf Grundlage der ETA-13/0840 vom 28.06.2013 mit dem hochfesten Bewehrungssystem SAS 670 ausgeführt, um im 14-geschossigen Gebäudebereich die Stützenquerschnitte schlank zu halten. Die Gebäudestabilität wird durch drei Treppenhauskerne aus Stahlbeton gewährleistet, von denen zwei komplette Kerne mit einer Neigung von ca. 5° gegen die Vertikale über 7 Geschosse ausgeführt wurden.

Auf Grund des außenliegenden Tragsystems mit der unregelmäßigen, rautenförmigen Struktur war eine Anordnung von Dehnfugen zwischen den unterschiedlich hohen Gebäudeteilen nicht möglich. Um gleichmäßige Setzungen zu erreichen, war es notwendig, bereichsweise Baugrundverbesserungen durchzuführen. Nach einer erforderlichen Rütteldruckverdichtung im Bereich des 14-geschossigen Gebäudeteiles wurde der gesamte Baukörper auf einer gebetteten Bodenplatte mit Plattenstärken von 0,60 m bis 1,50 m gegründet. Eingeschossige Gebäudeteile, welche nur aus dem Untergeschoss bestehen, wurden erst nach Abklingen der Setzungen massiv

mit den 7- bzw. 14-geschossigen Gebäudeteilen verbunden. Auf Grund des dauerhaft hohen Grundwasserstandes mussten dabei alle Bauteile und Arbeitsfugen des Untergeschosses wasserdicht ausgebildet werden. 

Das Baugelände grenzt im Süden und Westen an die denkmalgeschützten Gebäude des Museums für Gegenwart am Hamburger Bahnhof und des Landessozialgerichtes. Die Wände der bis zu 6,50 m tiefen Baugrube wurden mit einem verformungsarmen Verbau mittels einer Schlitzwand gesichert. 

Eine Anordnung von Horizontalankern war auf Grund der umliegenden Bebauung nicht möglich. Die ca. 3 m tief im Grundwasser liegende Baugrube wurde als geschlossener Kasten mit den wasserdichten Schlitzwänden und einer tiefliegenden Dichtsohle zur ersten Abdichtung und Auftriebssicherung ausgeführt.

Durch die geneigten Fassadenstützen und die schrägen Treppenhäuser war es unumgänglich, für die gesamte Ausführungsplanung ein 3D-CAD-Modell als Grundlage zu verwenden. Alle Schal- und Detailpläne wurden direkt aus dem Modell abgeleitet. Nur so konnte gewährleistet werden, dass auf der Baustelle eine reibungslose Montage der Fertigteile und Verbundkonstruktionen erfolgen konnte.

Energie Nachhaltigkeitskonzept
Die führenden Nachhaltigkeitszertifizierungssysteme DGNB und LEED zeichneten das Gesamtvorhaben jeweils in Gold aus. Darüber hinaus erhält das 50Hertz Netzquartier in Berlin als erstes Gebäude weltweit auf Grund der herausragenden gestalterischen und baukulturellen Qualität die ergänzende Auszeichnung „DGNB Diamant“. Es wurden die EnEV-Anforderungen in Bezug auf den Strombedarf um 21 Prozent und der Primärenergiebedarf um 49 Prozent unterschritten.

Bauphysik
Das außerhalb der thermischen Hülle liegende Tragwerk erforderte umfangreiche bauphysikalische Betrachtungen. Alle Wärmebrücken wurden in einem Simulationsprogramm abgebildet und optimiert, um die Wärmeverluste zu minimieren und die Tauwasserfreiheit im Gebäude sicherzustellen. Die Fassade gewährleistet aufgrund des hohen Glasanteils einen hervorragenden Außenraumbezug. Die kritische thermische Behaglichkeit im Sommer wurde über komplexe Gebäudesimulationen nachgewiesen.  

Energiekonzept
In den Geschossdecken aus Stahlbeton wurde eine Betonkerntemperierung installiert. Diese ermöglicht durch die Aktivierung der Speichermasse einen sehr energieeffizienten Heiz- und Kühlbetrieb in der Grundlast. Die systemtypische Trägheit dieses Systems wird kompensiert durch den zusätzlichen Einsatz von rasch reagierenden Deckensegeln in Fassadennähe. In den Sanitär- und Nebenräumen sind statische Heizkörper eingebaut, um die Nutzersteuerung der Raumlufttemperatur zu gewährleisten. Zur Vermeidung von Wärmeverlusten und zum optimalen Betrieb der Wärmeerzeuger werden die Heizkreise mit möglichst geringen Temperaturen gefahren (Vorlauftemperatur: max. 45° C). Die Heizkreistemperaturen werden gleitend in Abhängigkeit von der

Außenluft geregelt. Umgesetzt wurde ein Versorgungskonzept, welches eine Kombination von Abwärmenutzung aus Kühlung mittels Wärmepumpen und einer Spitzenlastabdeckung durch Fernwärme darstellt. Die Abwärme aus dem Rechenzentrum und aus der darüber angeordneten Leitwarte wird als wesentlicher Bestandteil des Energiekonzeptes zur Gebäudeheizung genutzt. Aufgrund der hydraulischen und regelungstechnischen Einbindung in die Heizungsanlage ist es möglich, die anfallende Abwärme weitgehend im Gebäude nutzbar zu machen. Die Anschlussleistung der Fernwärme ist bereits auf den Zubau im 2. und 3. BA ausgelegt.

Elektroenergieversorgung
Es wurden zwei Mittelspannungseinspeisungen aus unterschiedlichen Umspannwerken realisiert. Eine automatische Netzumschaltung dieser beiden Einspeisungen ist für sicherheitsrelevante Bereiche installiert. Sechs Stück USV (unterbrechungsfreie Stromversorgung) 120 kVA für die Datentechnik des Rechenzentrums sind installiert. Für baurechtlich vorgeschriebene Verbraucher und den autarken Betrieb des Gebäudes ist ein NEA (Netzersatzaggregat) mit einer Leistung von 1.000 kVA vorgesehen.

Eine Überfallmeldeanlage mit Aufschaltung auf die Polizei wurde installiert. Eine Aufzugsanlage bestehend aus vier Aufzügen mit Zielwahlsteuerung zur Optimierung der Wartezeiten wurde realisiert.

Das kleine Windrad auf dem Dach steht symbolisch für die Nutzung regenerativer Energiequellen im Gebäude.

Trinkwarmwasserbereitung
Die Trinkwarmwasserbereitung erfolgt für den Bereich der Großküche über einen Trinkwassererwärmer, welcher aus hygienischen Gründen (Legionellenprophylaxe) die Trinkwarmwasser-Temperatur über 65 °C hält. Die weiteren Trinkwarmwasser-Zapfstellen im Gebäude sind mit elektrischen Durchlauferhitzern ausgestattet, um erhebliche Zirkulationsverluste zu vermeiden und auch hier eine einwandfreie Trinkwasserhygiene zu gewährleisten.

Erläuterungsbericht von Inros Lackner SE zur Einreichung beim 'Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2018'

Aufgabenstellung
Die besondere Aufgabenstellung dieses Projektes liegt in der Umsetzung des Tragwerkes unter Berücksichtigung der dem Projekt gegebenen Randbedingungen. So entspricht die Gebäudekubatur den Vorgaben des städtebaulichen Masterplans. Dieser schreibt für diesen städtebaulich bedeutenden Ort vor dem Berliner Hauptbahnhof eine Bebauung mit Hochpunkten, untersetzt mit Sockelgeschossen vor. Die besondere geplante Nutzung des Gebäudes als neues Deutschlandhauptquartier eines Stromnetzbetreibers stellt weitere Anforderungen an das Gebäude und sein Tragwerk sowohl in Bezug auf die Außenwirkung als auch auf die Schaffung moderner Arbeitswelten dar. Jede Abteilung des Unternehmens konnte sein Arbeitsumfeld selbst definieren. So war eine Grundrissstruktur zu entwickeln, welche höchst unterschiedliche Arbeitswelten auf den Geschossen zulässt. Anzahl und Größe der Tragelemente waren auf ein Minimum zu reduzieren. Als zentrales Unternehmen der deutschen Energie-Infrastruktur lag ein besonderes Augenmerk auf die Belange der Nachhaltigkeit. Der Entwurf des Grazer Architekturbüros LOVE architecture & urbanism vereint diese Anforderungen in sich. Das außenliegende Tragwerk ermöglicht stützenfreie Räume innerhalb der Fassadenhülle sowie eine flexible Anordnung von mehreren Terrassen je Geschoss zur Nutzung als Arbeitsraum, für Kommunikation und Kurzerholung. Die zurückversetzte Anordnung der Fassade ermöglicht eine geschosshohe Verglasung durch die Verschattung der Deckenkanten. Die geneigten Stützen bilden mit ihren Teilsystemen, z. B. als Fachwerke, eine Referenz an das historische Eisenbahnareal mit seinen Brücken und Hallen. Die netzartige Struktur des Tragwerkes spiegelt das Wesen eines Netzbetreibers wieder. Durch geschickte Beleuchtung wandelt sich die Netzstruktur nachts zu einer Linienstruktur in Form einer Symbolischen Sinuskurve – dem Grundsignal der Stromübertragung. Zwei der drei Kerne sind mit 5° gegen die Senkrechte geneigt, was dazu führt, dass kein Geschoss dem anderen gleicht. Verbunden mit einer großen Geschosstiefe ergibt sich somit ein geeignetes Geschoss für die jeweiligen Nutzeranforderungen. Die Ingenieuraufgabe bestand darin, den herausragenden Entwurf statisch konstruktiv umzusetzen.

Lösungsweg
Stahltragwerke sind im Hallen- und Ingenieurbau durchaus übliche Konstruktionen. Bei hohen Büro- oder Wohngebäuden scheidet das Material oft schon aus Gründen des Brandschutzes aus. Der vorliegende Entwurf des Gebäudes wäre jedoch in herkömmlicher massiver Bauweise nicht umsetzbar gewesen. So stellen die nachfolgend skizzierten Lösungsansätze beispielhaft eine gelungene Kombination von Konstruktionsprinzipien dar. Die netzartige Struktur des Außentragwerkes wurde intensiv in Abstimmung zwischen Architekt und Tragwerksplaner optimiert. Durch den Wegfall von Stützen entsteht das gewünschte charakteristische Erscheinungsbild der Fassade. Trotz des unregelmäßig wirkenden Tragwerkes konnten so weitestgehend einheitliche Deckenspannweite realisiert werden, was zu einer homogenen und wirtschaftlichen Deckenbemessung führt. Es entsteht ein unregelmäßiges hochgradig unbestimmtes Tragwerk mit vielen Umlagerungsmöglichkeiten und komplexen Zusammenhängen im Lastabtrag. Normalkräfte in allen Laststufen mit bis zu ca. 9.600 kN Druck- und 6.000 kN Zugkraft sind bei Einhaltung eines gleichbleibenden Außenquerschnitts der Stützen abzutragen. Daraus ergibt sich eine Vielzahl unterschiedlicher z. T. räumlicher Stützenknoten, welche nicht nur in der Ebene die Lastumlenkung abzutragen hatten, sondern in den Gebäudeecken teilweise auch räumlich. Insgesamt ergeben sich ca. 500 unterschiedliche Varianten der Stützenknoten. Diese resultieren sowohl aus der Geometrie, wie z. B. X- und Y-Knoten, aus durchlaufenden Stützen und Auskragungen als auch aus den Lastniveaus und der Lastrichtung. So ist es aus dem Lastfluss heraus erforderlich, einen Großteil der Anschlüsse für Zugkräfte auszulegen. Überlagert wird dies durch hohe Abtriebskräfte in Druck und Zugrichtung in den Deckenrändern sowie dem Lasteintrag der vertikalen Auflagerlasten der Decken. Das führt dazu, dass auch optisch gleich aussehende Knoten höchst unterschiedlich ausgeführt werden. Eine Ausführung in Stahlbeton ist bei den genannten komplexen Zusammenhängen auf dem Schnittgrößenniveau nicht möglich. Der Ausführung der Knoten liegt daher eine Stahlbau-Konstruktion zu Grunde. Die Stützen werden ab einem bestimmten Lastniveau als Verbundstützen mit außenliegendem Stahlrohr und eingestelltem Kern ausgebildet. Die Kerne werden als Stahlblech und in Kreuzform erstellt. Dadurch und durch die Wahl unterschiedlicher Blechdicken können die Stützen wirtschaftlich dem jeweiligen Lastniveau angepasst werden. Der Anschluss zwischen den Stützen erfolgt durch zeitsparende Schraubverbindungen. Im Übergang zu leicht belasteten Stützen mit eingestellten Bewehrungseisen werden Kopfbolzendübel zum Lastübertrag verwendet. Durch die Anordnung des Tragwerkes außerhalb der thermischen Hülle waren temperaturbedingte Einwirkungen zu berücksichtigen. Das Außenrohr ist nicht kraftschlüssig mit der Deckenkonstruktion verbunden. Längsdehnungen werden weiterhin zugelassen und Zwängungen dadurch vermieden. Es trägt im Kaltfall zur Stabilität der Stützen bei. Im Brandfall ist die Tragfähigkeit des verbleibenden Kerns mit Betonummantelung ausreichend. Das Verformungsverhalten aus Temperatureinwirkung entspricht daher den eher gutmütigen Betoneigenschaften. Hohe Temperaturunterschiede durch direkte Sonneneinstrahlung konnten aufgrund der abschirmenden Wirkung des Betons vermieden werden. Die Bemessung ist sowohl an herausgelösten Einzelbauteilen als auch am Gesamtmodell erfolgt. Die Deckenbemessung erfolgte beispielsweise als Einzelbauteil mit Berücksichtigung von Verformungen in Form von Auflagersenkungen aus dem globalen Tragverhalten. Zum Nachweis der Stützen sind Einheitsstützen mit steigendem Lastniveau bemessen worden. Der Nachweis erfolgte durch Zuordnung der jeweiligen Stütze zu dem Lastniveau der Einheitsstützen. Zur Ermittlung der Schnittgrößen im Stützentragwerk sowie den Deckenrändern kam das Gesamtmodel zum Einsatz. Wird die Decke jedoch in Achse und auf Niveau der jeweiligen Stützenknoten angeordnet, werden die hohen Deckenrandkräfte aufgrund der linearen FE-Eigenschaften einer Betondecke verschmiert und sind nicht ablesbar. Die Berechnung nach nichtlinearen Methoden war bei der gegebenen Komplexität des Tragwerkes nicht möglich. Die Ermittlung der Deckenrandkräfte war nur dadurch möglich, die Decke durch Koppelstäbe um wenige Zentimeter aufzuständern. In der ursprünglichen Lage des Deckenrandes, in der Achse der Stützenknoten, verbleibt ein steifer ideeller Druck- und Zugstab. Die Decke leitet nach wie vor ihre vertikalen Lasten ins Tragwerk ein und trägt zur horizontalen Aussteifung bei. Im ideellen Zug- und Druckstab konnten die Deckenrandkräfte jedoch als Schnittkräfte einfach abgelesen werden.

 

Zusammenfassung
Das Gebäude zeichnet sich durch eine konsequente Umsetzung der erforderlichen und durch den Bauherren gewünschten Bedingungen aus. Untergebracht sind neben den Flächen für Büronutzung auch Bereiche für Gastronomie, Kinderbetreuung, Versammlung und die Leittechnik des Stromnetzes. Durch die Anordnung des Tragwerkes außerhalb der thermischen Hülle ist ein neuartiger Ansatz des Lastabtrages für Bürogebäude gewählt worden. Dadurch wird ermöglicht, die Flächen flexibel ohne Eingriffe ins Tragwerk umzunutzen. Die Fassade ist als Pfosten-Riegel-Konstruktion möglichst einfach auf die Decken gestellt. Dadurch ist eine freie unregelmäßige Anordnung von Terrassen möglich. Die Deckenüberstände ermöglichen einen hohen Glasflächenanteil bei gleichzeitiger Verschattung. Die EnEV-Anforderungen werden in Bezug auf den Primärenergiebedarf um 49 % unterschritten, in Bezug auf den Wärmebedarf um mehr als 80 %, bei einer sehr transparenten Außenhülle. Die Kühlung und Heizung der Räume erfolgt in Form von aktivierten Decken auf niedrigstem Temperaturniveau. Das Gesamtvorhaben wurde von DGNB und LEED als führende Nachhaltigkeitszertifizierungssysteme jeweils in Gold ausgezeichnet. Zudem erhielt das 50Hertz Netzquartier als erstes Gebäude weltweit die Auszeichnung DGNB Diamant. Die Realisierung des Entwurfes mit seinem prägenden Erscheinungsbild ist erst durch den konsequenten Einsatz von Stahlbau-Lösungen und deren Kombination mit der Stahlbetonbauweise ermöglicht worden. Die Verbundtechnologie ermöglicht den Einsatz von Stahlbauteilen und ermöglicht so elegant die Einhaltung der Anforderungen aus Temperaturverformung und Brandschutz. Durch die geschickte Kombination der Vorteile zweier Bauweisen, die für diesen Gebäudetyp unüblich sind, zeigt das Gebäude für zukünftige Projekte beispielhaft die Möglichkeiten zur Schaffung moderner und nachhaltiger Arbeitswelten.

Fertigstellung
2016
Architekt
Love architecture and urbanism zt gmbh, Graz
Ingenieur
Inros Lackner SE, Rostock
Bauherr
50 Hertz Transmission GmbH