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Haftelhof Schweighoven

Erläuterungsbericht von Lena Herr und Sascha Schludecker zur Einreichung beim 'Förderpreis des Deutschen Stahlbaues 2018

UMBAU UND ERWEITERUNG EINER DENKMALGESCHÜTZTEN HOFANLAGE

In der Südpfalz inmitten von Weinreben und Apfelplantagen erhebt sich auf einer kleinen Anhöhe der Haftelhof - eine denkmalgeschützte Hofanlage. Erbaut wurde das Ensemble etwa um 1470 als Klosterhof für das Augustinerkloster Stephansfeld bei Straßburg. Das Kloster wurde während der französischen Revolution jedoch aufgelöst, der geschichtsträchtige Hof wurde zweigeteilt und zwangsversteigert. Die Trennung in Ost und West ist immer noch deutlich spürbar.

© Lena Herr | Sascha Schludecker

 

Heute finden zahlreiche Veranstaltungen, Konzerte, Feste, Kreativkurse und Tagungen auf dem östlichen Areal der Hofanlage statt, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Nur teilweise saniert, besteht im Ostflügel des denkmalgeschützten Klosterhofes Ausbaupotenzial. Sowohl das noch nicht ausgebaute Dach, als auch die Ruine am südlichen Gebäudeende möchte der Bauherr gerne nutzen, um in Zukunft über mehr Kursräume, Veranstaltungsflächen und Schlafplätze zu verfügen.

KONZEPT

Der Erhalt des äußeren Erscheinungsbildes der Gesamtanlage steht im Vordergrund des Entwurfes. Für den Bestand charakteristische Merkmale, wie die öffnungslosen Satteldachflächen und die Ziegeldeckung in Rot werden aufgegriffen und neu interpretiert. 

Um dennoch einen Kontrast zum massiven Bestand herzustellen, wird in die historische Bausubstanz ein leichtes „Stahlschiff“ eingesetzt. Besonders hervorgehoben wird diese Gegensätzlichkeit von leicht und schwer durch ein umlaufendes Fensterband. Das neue Dach schwebt mit einer anmutenden Leichtigkeit über den kräftigen Bestandsmauern und fasst den Baukörper erneut zu einer Einheit zusammen.

Um trotz geschlossener Dachflächen auch eine gute Belichtung des obersten Geschosses herzustellen, wird die typische Satteldachspitze abgeschnitten und die entstehende Schnittfläche mit einem durchgehenden Oberlicht besetzt. Das neue Dach bleibt unter der historischen Firsthöhe, behält die alte Dachneigung bei und wirkt dank seiner störungsfreien/homogenen Dachhaut aus rotem Kupferblech nicht fremd.

Die neu hinzugefügten Bauteile bleiben identifizierbar, sie werten den Bestand auf und schaffen ein neues Ganzes. Durch die geschickte Ergänzung findet das geschichtsträchtige Ensemble zu neuem Glanz.

ERSCHLIESSUNG UND RAUMPROGRAMM

Die Flexibilität der Räume im Erdgeschoss soll bewahrt werden, indem jeder Raum sowohl aus dem Eingangshof, als auch aus dem Innenhof heraus erschlossen werden kann. Es werden einige subtile Eingriffe im Inneren des Bestands vorgenommen. Das Esszimmer bleibt als solches erhalten und wird um eine neue offene Küche, erweitert. Hier sollen künftig Kochkurse stattfinden.

Sanitärräume, die bisher ausschließlich außerhalb des Gebäudes lagen, werden nun im Durchgang zum Kursraum erschlossen. Der Kursraum bleibt, bis auf den neu angeordneten Durchgang zum Esszimmer, unverändert. Die Ruine wird ausgebaut zu einem großen Speisesaal. Im Nebenraum kommt eine großzügige Industrieküche unter, die in Zukunft auch der Versorgung von größeren Gruppen gerecht wird.

Durch das neue Treppenhaus, das als notwendiges Fluchttreppenhaus ausgeführt ist, gelangt man in das erste Obergeschoss. Hier befinden sich die neuen Schlafräume. Sieben gemütliche Zweibettzimmer laden dazu ein, eine Nacht auf dem Haftelhof zu verbringen. Durch das horizontale Fensterband eröffnet sich von hier ein großartiger Blick auf die umliegende Weinregion und die Gebirgszüge in der Ferne. Der große Schlafsaal im Norden ragt bis in den offenen Dachstuhl hinein und bietet Platz für Gruppen bis 20 Personen. Die dazugehörigen Nebenräume (Sanitäranlagen, Lager) trennen den Schlafsaal vom ruhigeren Zweibettzimmer-Trakt ab. Vom Schlafsaal geht zudem eine zweite Fluchttreppe ab.

Im zweiten Obergeschoss befinden sich ein privates Künstleratelier der Bauherrin und ein Tagungsraum für Seminare. Hier wird durch ein geschickt platziertes, schlichtes quadratisches Fenster ein gezielter Ausblick Richtung Süden geschaffen.

KONSTRUKTION

Bis auf den Abriss des in Teilen noch bestehenden historischen Daches erfolgen lediglich kleine subtile Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz. Da das Erdgeschoss nur für temporäre Nutzungen vorgesehen ist, kann im Bestand auf aufwändige energetische Sanierungen, die oftmals in Konkurrenz zum Denkmalschutz stehen, verzichtet werden.

Aufgrund der begrenzten Tragfähigkeit des Bestandes wurde die Aufstockung als leichter Stahlbau entwickelt. Eine Abfolge von Stahlrahmen aus geschweißten IPE-Profilträgern (IPE 240) bildet die Dachkonstruktion, die die auftretenden Lasten auf die Außen- und die mittigen Innenwände ableiten. Die notwendige Aussteifung durch Diagonalstäbe erfolgt in zwei Achsen. Die darüber gespannte Gebäudehülle besteht aus dämmenden Sandwichelementen mit gefalzten Kupferblechen.

© Lena Herr | Sascha Schludecker

 

Die Dachentwässerung wird verdeckt ausgeführt, um keine sichtbaren, das ebenmäßige Bild des geschlossenen Kupferdaches störenden Details zu erzeugen. Das Oberlicht wird, ebenso verdeckt, über seitlich installierte Rinnen in Gebäudelängsrichtung entwässert.

Die Geschossdecken bestehen aus Lochträgern, die eine flexible Führung der Installationen in Gebäudelängsrichtung gewährleisten. Auf die Träger aufgelegt werden Trapezbleche, die vor Ort ausbetoniert werden. Für eine angenehme Raumtemperierung erfolgt eine Bauteilaktivierung der Decken/Böden.

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Semesterarbeit
Lena Herr mit Sascha Schludecker

Hochschule Karlsruhe
Technik und Wirtschaft


betreut durch
Prof. Dipl.-Ing. Florian Burgstaller,
Prof. Dipl.-Ing. Susanne Dürr,
Dipl.-Ing. Architekt Günter Mader