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Lob – Markthalle Münster

Tobias Grabowski mit Stefan Pflips | Fachhochschule Münster

Abb.: Grabowski | Pflips

Laudatio
Das aus Stahlblechen konstruierte faltwerkartige Dach der Markthalle Bremer Platz in Münster stellt einen interessanten Beitrag für den geeigneten Einsatz von Stahl dar. Die gefaltete Dachhaut wird auf zwei in Längsrichtung des Marktes parallel verlaufenden rahmenartigen Stiel-Riegel-Systemen aufgelagert. Entsprechend der innenräumlichen Höhenentwicklung der Faltungen werden ein- und zweigeschossige typisierte Marktstände platziert. Bei Dimensionierung und Konstruktion wäre das Hinzuziehen eines Tragwerksplaners wünschenswert gewesen.
Die Jury

 

Die Aufgabe des baukonstruktiven Entwurfes im Wintersemester 2014 war die Errichtung einer Markthalle auf dem Gelände rückwärtig des Hauptbahnhofs Münster, dem Bremerplatz.

Abb.: Tobias Grabowski | Stefan Pflips

Beschreibung der städtebaulichen Situation
Der Bremer Platz befindet sich rückwärtig des münsteraner Hauptbahnhofes.
Dieser wird von Bahngleisen in westlicher Richtung und einem umlaufenden Band an Häuserfronten begrenzt.
Sichtbarrieren wie eine Pergola, massiv ausgebildete Unterstände und dicht gewachsene Sträucher bilden eine Art Insellage auf der gegebenen Grünfläche. Die Straße unterstützt die Teilung des Platzes.
Schlecht einsehbare Bereiche ermöglichen hier leicht den Drogenkonsum.
Momentan ist der Bremer Platz aber vor allem als sozialer Brennpunkt und Treffpunkt der Drogenszene bekannt.

Mit dem Errichten einer Markthalle soll dem Gebiet eine neue Nutzung gegeben werden und ein Quartier großer Aufenthaltsqualität entstehen. Die gegebenen Probleme sollen durch eine ganzheitliche Planung gelöst werden, die sich nicht nur auf den eigentlichen Baugrund beschränken. Transparenz und Filigranität spielen bei dem Entwurf eine große Rolle, um schlecht einsehbare Bereiche zu vermeiden. Zudem soll eine Ausbildung von einer Vorder- bzw. Rückseite des geplanten Gebäudes verhindert werden.

Städtebauliche Maßnahmen
Die Neugestaltung sieht eine Verbindung des Bahnhofsplatzes mit der Grünanlage vor. Zunächst werden die Sichtbarrieren beseitigt, um weite Blicke und Durchsichtigkeit zu generieren. Desweiteren wird die Strasse im Sinne eines „shared space“ auf das selbe Niveau angehoben, um auch hier die Grenze zwischen beiden Bereichen aufzuheben [siehe Barriere].
Mit diesen Maßnahmen wird der Bremer Platz wieder zu einem großen innerstädtischen Platz, welcher von den umliegenden Gebäuden gesäumt wird [siehe Kessel].
Die Platzgestaltung dient als Orientierungshilfe für die Eingänge des Bahnhofs. Darüber hinaus soll es die Vernetzung der Umgebung mit dem neuen Bremer Platz verdeutlichen [siehe Erschließung]. Überlappungen und Kreuzungen der wichtigsten Laufwege durch den Marktbetrieb sind erwünscht.

Formfindung
Das Stadtbild Münsters wird von den giebelständigen Häusern am Prinzipalmarkt geprägt [siehe Formfindung Dach].
Auch das Bild der Arkadengänge, die alten Handelsorte der Stadt, sind typisch [siehe Formfindung Tragwerk]. Diese baulichen Besonderheiten sollen in den Entwurf aufgenommen werden, um einen Lokalbezug aufzubauen. Eine Analogie des neuen Handelsstandpunkts, der Markthalle am Bremer Platz, und der alten Handelsstätte am Prinzipalmarkts wird somit aufgestellt.
Der Entwurf sieht ein Faltwerk aus Stahlblechen als Dachform mit eingerückten Doppelstützen als Tragwerk vor [siehe Analogie Dach/Analogie Tragwerk].

Das Faltwerk ist eine statische Struktur, welches mit dessen Eigenschaften, gleich auf mehreren Ebenen Lösungen anbietet, die für den Entwurf ausschlaggebend sind.
Auf der Ebene des Lokalbezugs, bildet es Trauf- und Giebelpunkte aus und ähnelt so, in einer modernen
Interpretation, den Giebelfassaden des Prinzipalmarkts.

Bezogen auf die städtebaulichen Maßnahmen, kann das Faltwerk, trotz der enormen Größe des Daches aufgrund des statischen Systems und besonders wegen der guten Verarbeitungs- und Materialeigenschaften des Stahls, sehr filigran dimensioniert werden. Somit wird die erwünschte Transparenz und Offenheit bewerkstelligt.

Bauablauf der Stahlkonstruktion
Um die eben genannte Transparenz zu generieren, ist das Dach in Form eines Faltwerks aus einem nur 3 cm starken weißen Stahlblech hergestellt. Die Breite beträgt 20 m, um das Marktgeschehen vor Regen zu schützen. Diese Breite macht ein Knicken des Stahlbleches an einem Stück unmöglich. Mit Knickbänken können Objekte mit einer maximalen Breite von 6 m bearbeitet werden. Aus diesem Grund werden einzelne Dachmodule aus vier separat geknickten Elementen hergestellt, welche später miteinander verschweißt werden können. Aufkantungen an den Enden der Dachmodule sorgen für eine wasserdichte Fügung [siehe Herstellungsverfahren].
Das Stahlblech wird mit einer weißer Polyurethanbeschichtung vor der Witterung geschützt.
Diese Dachmodule werden über den Schienenweg an die Baustelle geliefert und von dort mit Hilfe eines Krans an den jeweiligen Ort gehoben. Der Bauablauf des Daches besteht aus vier Arbeitsschritten.
Im erster Arbeitsschritt werden die Köcherfundamente positioniert. Danach werden je zwei Stützenmodule aus Hohlstahlprofilen mit den Abmessungen von 20/40 cm pro Köcherfundament eingesetzt. Beide Stützen werden mit einer Schraubenverbindung inklusive Hartgummi in der Stoßfuge zu einem Tragsystem. Ortbeton fixiert das Tragsystem. Der dritte Schritt besteht aus dem Auflegen des Dachmoduls auf das Tragsystem. Das Dachelement ist mit Auslassungen versehen, um Toleranzen einzuhalten und um auf Ausdehnungen reagieren zu können. An diesen Punkten wird es durch Stahlbolzen mit Schraubengewinden auf der Seite der Stützen und Kopfplatten inklusive Gummierung auf der Seite der Dachhaut und Schraubenköpfen miteinander verbunden.
Der letzte Schritt sieht das Verbinden mehrerer Dachmodule miteinander vor. An den Aufkantungen werden die einzelnen Module mit einer Schrauben wasserdicht verbunden [siehe Fügungspunkt First oder Konstruktionsschnitt 1|5].

Abb.: Tobias Grabowski | Stefan Pflips

Entwässerung
Die Einfachheit der Dach- und Stützenkonstruktion, erschwert die Wasserabführung. Versteckte Leitungssystem sind nicht möglich, das Hinzufügen von sichtbaren Wasserrohren ist nicht gewollt. Aus diesen Gründen wird das Regenwasser von Pflanzenkübeln aufgefangen. Diese sind an Traufpunkten platziert und können starke Wassermengen oder leichten Regen abführen [siehe Entwässerung].

Organisation der Markthalle
Heutzutage muss eine Markthalle wesentlich mehr leisten als die reine Verkaufsmöglichkeit. Informationsbereiche, Aufenthaltsflächen und Gastronomie sind essentiel für ein belebtes Marktgeschehen.
Aus diesem Grund ist die Markthalle in drei Zonen gegliedert.

Erstens, der nördliche Teil, welcher durch den offenen Marktbereich charakterisiert ist. Ein modulares Stecksystem verschiedener Elemente aus Stahlblechen, ähnlich der Dachhaut, erfüllt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Verkäufer. Unterschiedliche Ausführungen kreieren Teilbereiche und bilden so einzelne Schwerpunkte, die entweder nahrungsspezifisch sein können oder als Aufenthaltsfläche innerhalb des Markts genutzt werden können [siehe Platzierung Marktstände].
Die äußeren Marktstände befinden sich unterhalb der Fristpunkte des Daches und können so zweigeschossig ausgeführt werden und laden mit Verkostungs- und Aufenthaltsflächen auf der oberen Ebene zum Verweilen ein [siehe Schnitt Markt 1|100].
Zweitens, der zentral gelegene Informationsbereich. Hier sind der Informationsbereich inklusive Marktleitung, das Café und öffentliche Toiletten platziert.
Das Lager bildet die dritte Zone. Hier wird für die Anlieferung, das Lagern der Güter und die Müllbeseitigung gesorgt.
Der Informationsbereich und das Lager sind die einzigen wärmegedämmten Gebäudeteile und sind im Kontrast zu dem filigranen Dach in massivem Dämmbeton ausgeführt [siehe Konstruktionsschnitt 1|5].

 

Semesterarbeit
Tobias Grabowski
Stefan Pflips

Fachhochschule Münster
betreut durch
Joergen Dreher