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Lob – Mountain Bridge - Refugium in den Bergen

Franz Arlart, Universität Stuttgart

Abb.: Franz Arlart

LOB

Laudatio
Wie ein liegender Baumstamm über eine Schlucht spannt sich das Bauwerk brückenartig über das hügelige Gelände. Durch seine abgehobene Lage ist die Beeinträchtigung der Landschaft minimal, obwohl sich das Bauwerk selbstbewusst als von Menschen geschaffen zu erkennen gibt. Der fast nahtlose Übergang vom Innen- zum Außenraum über große, rahmenlose Schiebefenster und die traditionellen Materialien im Inneren verzahnen das Refugium mit der Umgebung. Gleichzeitig entsteht im Innenraum ein wohliges, warmes und dennoch modernes  Ambiente.

Innovative Ideen bei Entwurf, Energieversorgung und Materialien runden zusammen mit der Stahlbauweise den nachhaltigen Ansatz der Arbeit ab.
Die Jury

Erläuterung durch Franz Arlart:

Mountain Bridge - ein Refugium für Ruhe- und Stillesuchende in den Allgäuer Alpen

„Das Bild einer schönen Landschaft, die Stille der Einsamkeit in alpiner Umgebung enthalten das köstliche Gut, dessen die moderne Welt dringend bedarf,“ so beschreibt Jean Jacque Rosseau die gegenwärtige Sehnsucht des Menschen nach Ruhe und geistiger Einkehr in unserer globalisierten, immer schneller werdenden Welt.

Abb.: Franz Arlart

Nutzung und Gebäudeart
In der Nähe einer kleinen landwirtschaftlich genutzen Alpe im Allgäuer Stubachtal sollte für eine kleinere Gruppe ein Refugium geplant werden. Der Rückzugsort mit dem auf das Wesentliche beschränkten Raumprogramm dient zur Entspannung und Ruhefindung.
Entwurfsbestimmende Parameter sind die Situierung des Bauwerks in der Berglandschaft mit der zugehörigen Definition und architektonischen Formulierung des Bezugs zwischen natürlichem Umfeld und menschengemachtem Bau, der Umgang mit der durch die Hanglage vorgegebenen Ausrichtung sowie auch gestalterische, funktionale und konstruktive Überlegungen.

Gestalterische Vorgehensweise
Die Basis für den Entwurf sind in den drei prägenden Merkmalen dieses besonderen Ortes auf 1390m zu finden. Durch ein mehr als 80m langes Gebäude soll der Ausblick auf den Grünten, den angrenzenden Tennenmooskopf und das Panorama auf die Allgäuer Hochalpenkette in Einklang zueinander stehen. Dabei soll eine 6m hohe massive Nagelfluhfelswand mit den Mauerresten der im vergangenen Jahrhundert verfallenen Alpe Hirschgund durch diesen langgezogenen Baukörper verbunden werden. Dennoch wirkt der punktuell über Stützen aufgeständerte Gebäuderiegel filigran, leicht und schwebend in der Landschaft stehend, auch wenn er als technisches, von Menschen geplantes Artefakt selbstbewusst mit seiner weißen Farbgebung hervortritt.

Gemäß dem Postulat von Adolf Loos: „Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne,“ und „Die Ebene verlangt eine vertikale Baugliederung; das Gebirge eine Horizontale“, soll das Gebäude sich dem Naturwerk der Berge zurücknehmen.

Filigrane Stahltragstruktur mit eindeutig gegliederten Räumlichkeiten und Aufenthaltsbereichen
Als öffentlicher Aufenthaltsbereich mit Quelltauchbecken fungiert dabei die ehemals bedeutsame, um 1900 durch ein Unwetter zerstörte Sennalpe Hirschgund, die wieder mit Leben und Aktion gefüllt werden soll. Dem entgegengesetzt charakterisieren die ruhigen Nagelfluhwände im Norden den privaten Bereich, folglich ist auch der Grundriss in seinen Nutzungen gegliedert. Räume werden über eingestellte Möbel und Funktionselemente mit Rücksprüngen zur Decke des Baukörpers geschaffen.

Lediglich im privaten Wohn- und Schlafbereich sind abgetrennte Räumlichkeiten nötig. Die großzügigen drei Schlaflager für insgesamt 18 Personen sind mit getrennten WC / Bad und klappbaren Metallstockbetten (je nach Zimmerbelegung) ausgestattet.

Dem leichten auf ein Minimum reduzierten Stahltragwerk wird ein massiver, „aus der Erde wachsender“ Stampfbetonkern (als Materialanalogie zum vorherrschenden Nagelfluhgestein) untergestellt. Dieser konträr zum Wohnbereich zu unterscheidende Baukörper weist einen geschlossenen, beschützenden „Höhlencharakter“ auf, was seine Nutzung als Wellness- und Saunabereich widerspiegelt.

Materialität
Die Materialität der verwendeten Werkstoffe ist von außen in einer weiß lackierten Stahltragstruktur mit weißem Kalkkiesdach und grau-weißen Metallblech-Schiebeläden an der östlichen Veranda zu kennzeichnen. Rahmenlose Skyframe Schiebefenster geben freien Blick in die Berglandschaft. Im Innenraum hingegen soll in Tradition des Typus Berghütte ein warmer Charakter durch bandsägeraue Eichendielen und Möbel in heimischer Weißtanne entstehen.

Konstruktion
Insgesamt sollte auch konstruktiv durch Element- und Modulbauweise mit einfacher statischer Punktfundamentgründung eine angemessene Art und Weise für den alpinen Bauvorgang gefunden werden. Eine momentübertragende Verbindung gegen Windkräfte ist durch eine Fundamenteinspannung am westlichen Ende an der Felswand bzw. über biegesteife Verbindungen mit dem darunter gestellten Betonbaukörper möglich. So wirkt das filigrane, fast schwebende weiße Stahlgerüst aus offenen Profilen sehr ästhetisch anmutend. In die vorelementierten Stahltragmodule werden zudem Holzkassettenplatten mit aussteifender Wirkung (durch Schubstahlverbindungen) eingesetzt. Der Transport auf die Baustelle ist mit Helikoptern zu bewerkstelligen.

Nachhaltigkeit
Der lange horizontale Baukörper kennzeichnet sich durch ein klares und eindeutiges architektonisches Konzept. Ohne den Einfluss kurzlebiger modischer Strömungen bewegt er sich in Tradition der bis heute nachhaltigen Formensprache der klassischen Moderne bzw. der Bauhaus Architektur. Nachhaltig wird zudem mit dem Lebensraum der alpinen Natur umgegangen. So sind baulich nur minimale Eingriffe (Punktfundamentierung, Betonsockel) vorgesehen.
Nicht zuletzt das Materialkonzept mit heimischen Werkstoffen im Innenraum (Allgäuer Weißtanne) und ein auf die Zukunft ausgerichtetes Energiekonzept zeigen, inwiefern auch bei nicht alltäglichen Bauaufgaben nachhaltig und resourcenschonend vorgegangen werden kann.

Innovation
Der für den Entwurf ausschlaggebende Grundsatz, den Landschafts- und Bergraum konstruktiv möglichst nicht zu berühren und zu verletzen, stellt konzeptionell einen neuen Gedankenansatz zur Errichtung von Berghütten und -unterkünften dar. Neben der gestalterischen architektonischen Innovation, ist ein neuer Ansatz für die autarke Versorgung im alpinen Baugelände untersucht worden.
So ist konzeptionell eine Bauteilaktivierung mit PCM Einlagerungen in Deckenelementen über neu entwickelten, bsiher nicht vermarkteten Akkustikdämmplatten in den Deckenkassetten gedacht. Über Erdwärmesonden wurde die Wärmeversorgung für die Wintermonate entwickelt und rechnerisch dimensioniert.

Wirtschaftlichkeit
Bauvorgänge im schwer zugänglichen alpinen Raum sind meist sehr aufwendig und kostenintensiv. Daher wurde versucht durch ein möglichst großes Maß an Vorfertigung die Arbeiten am Bauplatz vor Ort gering zu halten. Ein ausgeklügelter Montageleichtbau aus Stahltragelementen und Holzkassetten mit identischen Abmessungen kann dies garantieren. Durch das Konzept des aufgeständerten Baukörpers sind lediglich vor Ort zu gießende Punktfundmente notwendig, auf unter großen Aufwand und in dieser Höhe nur schwer durchzuführenden Plattengründungen kann verzichtet werden.

© Franz Arlart - Refugium Süd-West Ansicht

Die Projektarbeit wurde in Einzelarbeit als Entwurf an der Universität Stuttgart am Institut für Entwerfen und Konstruieren bei Prof. José Luis Moro durchgeführt und begleitend in einem Seminar am Institut für Baukonstruktion, Lehrstuhl 2 bei Prof. Stefan Behling energetisch untersucht.
Eine fachkompetente, ingenieurtechnische Unterstützung für die Formuliernug und Ausarbeitung des Tragwerkes erfolgte durch Dipl.-Ing. Gerhard Meißner (Institut für Tragkonstruktionen und konstruktives Entwerfen, Prof. Dr.-Ing. Jan Knippers).

Als Hauptabsicht sollte durch den Entwurf ein neuangedachter Weg gezeigt werden, wie im alpinen Raum gebaut werden kann ohne die Berg- und Naturlandschaft zu zerstören. Ein sensibles Leben und Wohnen inmitten des Landschaftraumes mit den Vorzügen einer modularen Stahlbauweise sollte geschaffen werden.

 

Semesterarbeit
Franz Arlart

Universität Stuttgart
betreut durch
Dipl.-Ing. Frank Jüttner
Dipl.-Ing. Gerhard Meißner