Zum Hauptinhalt springen

Modulares Innovationscenter der Firma Merck in Darmstadt

H.G Esch

AUSZEICHNUNG

Architekten: HENN, München

Laudatio
Das Innovationszentrum ist erster Baustein eines von Henn Architekten erstellten Masterplans der Firma Merck in Darmstadt. Ausgelegt für eine Nutzungsdauer von zunächst fünf Jahren ist das Gebäude sinnfällig in modularer Bauweise errichtet. Diese wird zum prägnanten raumbildenden und gestalterischen Prinzip des Bauwerks: Die als Stahlrahmenkonstruktion präfabrizierten und vor Ort montierten Elemente sind um einen Hof gruppiert, gegeneinander verschobenen und mit Versätzen gestapelt, so dass großzügige Dachterrassen und einladende Zugängen zum Innenhof entstehen. Der zurückversetzte Sockel und das Fugendetail der Fassaden unterstreichen subtil die Bauweise und den temporären Charakter des Hauses. Die technischen Anlagen des Gebäudes sind gestaltprägend auf dem Dach angeordnet, jedoch auf den Fotos erstaunlicherweise nicht zu sehen.
Das Merck Innovationszentrum demonstriert die architektonischen Möglichkeiten des modularen Bauens in Stahl auf lesbare Weise.

Erläuterungsbericht von Henn Architekten:

Modulares Innovationscenter der Firma Merck in Darmstadt

Kontext
Die Firma Merck ist ein führendes Unternehmen für Hightech-Produkte in den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials. Es befindet sich in einem Strategie- und Kulturwandel, der den Menschen und die Forschung stärker in den Fokus rücken. Die Unternehmenskultur wandelt sich hin zu mehr Innovation, Internationalisierung und Agilität.

© H.G. Esch

Städtebau
Der von HENN entwickelte Masterplan ordnet die Funktionen auf dem Werksgelände in Darmstadt neu, mit dem Ziel, eine gerichtete Außenwirkung des Werkes zu schaffen. Die über mehr als hundert Jahre gewachsene, kleinteilige Struktur des Firmengeländes wird in Bereiche für Forschung und Entwicklung, Produktion, Support und Öffentlichkeit differenziert. Das neue zentrale Forum wird globalen Werks- und Konzernzentrale, in der sich Merck als offen und zugänglich präsentiert. Ein öffentlicher Platz quer zur Frankfurter Straße wird zur zentralen Adresse. Die Frankfurter Straße wird aufgewertet, indem sie auf Höhe des Pützerturms zu einem öffentlichen Platz aufgeweitet wird. Mit dem Emanuel-Merck-Platz entsteht ein öffentliches Forum als Adresse des globalen Unternehmens Merck. Der Stadtraum öffnet sich zu beiden Seiten der Straße und wird durch das Innovationszentrum sowie das „Modulare Gebäude“ an den seinen Außenkanten gefasst. Die Frankfurter Straße wird verkehrsberuhigt und ermöglicht so eine bessere Verknüpfung des östlichen und westlichen Teils des Werksgeländes. Als erster Schritt wurde östlich der Frankfurter Straße das Modulare Innovationscenter gebaut. Mit Gästecasino mit Tagungsräumen ist es für eine Nutzungsdauer von mind. 5 Jahren geplant. Die modulare Bauweise lässt eine Wiederverwendung der Module an einem anderen Standort zu. Aufgrund der begrenzten Nutzungsdauer sollte das Bauvorhaben kostenbewusst, aber nachhaltig werden. Mit der Initiative „ONE Global Headquarters“ entwickelt Merck seinen Stammsitz zur globalen Konzernzentrale. Der Masterplan sieht einen neuen, zentralen Platz an der Frankfurter Straße vor. An der Ostkante des Platzes wurde das zweigeschossige Modulare Innovationszentrum errichtet.

Architektur
Die gegeneinander verschobenen Gebäudeteile mit einer klaren Fassadengestaltung schaffen einen einprägsamen Baukörper. Die Erscheinung der „schwebenden“ Baukörper unterstreicht den innovativen und temporären Charakter. Die Baukörper gruppieren sich um einen Innenhof. Das Gebäude wird über einen großen Durchgang in den Innenhof, der 1 m über dem Geländeniveau liegt, erschlossen. Dieser Innenhof dient als Verteiler und Zugang. Das Gebäude wird sowohl von Mitarbeitern des Unternehmens als auch von Besuchern, Gästen und Geschäftspartnern genutzt. Das zweigeschossige Gebäude ist 60 x 42 m groß bei einer Höhe von ca. 9,50 m. Bis zur Fertigstellung des Innovationszentrums Ende 2017 nimmt der Neubau Arbeitsflächen für Projektteams sowie ein Gästecasino und Tagungsräume auf. Ab 2018 soll das Gebäude dann als Besucherzentrum genutzt werden.

Das Gebäude besteht aus gegeneinander verschobenen und teils aufeinander gestapelten Modulen. Ein schmaler, zurückspringender Sockel hebt die Gebäudeteile vom Boden ab. Das Fassadenraster betont die Fugen und lässt die modulare Bauweise aus vorgefertigten Stahlelementen erkennen. Raumhohe Fenster geben den Blick auf den Platz und Innenhof frei. An dem Gebäude werden mehrere, von Merck entwickelte Innovationen angewendet und getestet. Die rötlichen Lamellen an der Südseite dienen als Sonnenschutz und enthalten farbstoffsensibilisierte Solarzellen. In der Westfassade liegen „Liquid Crystal Windows“ von Merck. In der Beschichtung der Gläser wirken Flüssigkristallmoleküle wie mikroskopische Jalousien. Per Knopfdruck lassen sich die Fenster abdunkeln, sodass sie die Tagungsräume vor der Sonne schützen, ohne die Sicht auf den Platz zu beeinträchtigen.

Modulbauweise
Das Gebäude wurde in Modulbauweise errichtet und orientiert sich an einem Raster von 3 m. Das Gebäude ist nicht unterkellert und als ein Brandabschnitt geplant. Das Innovationscenter gliedert sich in zwei Baukörper im EG sowie einen Baukörper im OG, die jeweils von zwei Projektgruppen der interdisziplinären Zusammenarbeit dienen. Das Foyer im Süden mit WCs. Über eine Treppe und Aufzug ist das OG verbunden. In den Projekträumen liegen offene Arbeitsplätze zur Gruppenarbeit, freistehende Besprechungstische, Räume zur individuellen kontemplativen Nutzung sowie Besprechungsräume und „Lounges“. Im Casino liegen Restaurant, Küchen mit Sozialräumen sowie Tagungsräume. Das Restaurant mit ca. 100 Sitzplätzen im Erdgeschoss orientiert sich zum Forum und wird über den Innenhof und das Foyer im Norden erschlossen. Der Innenhof kann für Außenbestuhlung genutzt werden. Im Obergeschoss liegen zusammenschaltbare Besprechungsräume. An der Fassade mit Blick auf das Forum liegt ein großer Vorraum. Die Tagungsräume haben Zugang zur Dachterrasse.

Die Modulbauweise ermöglicht eine schnelle Realisierung und spätere Umnutzung an anderer Stelle. Aufgrund der begrenzten Nutzungsdauer wurde ein einfacher/mittlerer Ausbaustandard zu Grunde gelegt. Lediglich das Restaurant und die Tagungsräume haben mittleren/hohen Ausbaustandard. Geschlossene Wände wurden in Trockenbau ausgeführt, die Wände von Besprechungsräumen als Glaskonstruktion. Die technische Erschließung erfolgt über Bodentanks bzw. unterputz. Die Be- und Entlüftung erfolgt mechanisch, Fenster zur Komfortlüftung sind vorgesehen. Geheizt wird über Standheizkörper oder Konvektoren entlang der Fassade. Die Fassade besteht aus drei Typen. Pfosten-Riegelkonstruktionen mit feststehenden und öffenbaren Isolierverglasungen, Fassaden mit geschlossenen Blechelementen sowie transparente Fassaden mit vorgehängter Lochblechfassade. In einigen Bereichen liegen semitransparente Solarzellen und Sonnenschutzverglasung als „smart window“. Alle Sichtverglasungen ohne vorgehängte Lochblechfassade haben einen außenliegenden Sonnenschutz. Innen wurde ein textiler Blendschutz vorgesehen. Die Gründung auf Streifen- bzw. Einzelfundamenten war Bestandteil der Leistung des Modulbauers.

Gebaut wurde das modulare Innovation Center mit Gästecasino in Darmstadt von der Firma „ADK Modulraum“, die 20 Jahre Erfahrung im Modulbau hat. In ihren Produktionshallen in Neresheim werden voll ausgestattete Büroräume, Klassenzimmer, Großküchen, Kliniken gebaut, die beliebig erweiterbar oder ab- und anderswo wieder aufbaubar sind. Auftraggeber aus Forschung, Gesundheit, Gewerbe und Bildung schätzen die Gebäude in Modulbauweise. Sie bekommen einen Fixpreis, kurze Bauzeiten, verbindliche Lieferfristen und eine garantierte Lebensdauer von 50 Jahren. Jedes Gebäude wird mit tragenden Stahlrahmen und Trockenausbau individuell nach Kundenvorgaben und unter Einhaltung aller Vorschriften (Brand-, Wärme- und Schallschutz). Der Vorfertigungsgrad liegt bei 95 Prozent. Schwertransporte liefern die fertigen Module in die ganze Welt. Vor Ort sind sie schnell zusammengesetzt, mit der TGA verbunden und mit einer Fassade individualisiert. Die Lärm- und Staubbelastung auf der Baustelle ist reduziert. Das Gebäude ist optisch nicht mehr vom Massivbau zu unterscheiden. Hier wurde die Modulbauweise jedoch bewusst in Szene gesetzt. Die Konstrukteure „schnitten“ den Entwurf „in transportfähige Stücke“ mit Abmessungen von maximal 7 x 22 m. Der größte stützenfreie Raum misst 15 x 35m. Das Innovationszentrum besteht aus 75, jeweils über vier Meter hohen Modulen. Die Grundfläche verteilt sich auf zwei Stockwerke. Es gibt eine Großküche, ein Gästecasino, Besprechungs- Büro- und Aufenthaltsräume, die auch für Veranstaltungen genutzt werden. Eine besondere Herausforderung waren die Gebäudegeometrie und der eng gesteckte Zeitrahmen. Die ersten beiden Bauabschnitte standen in knapp fünf Monaten – zwischen Auftragserteilung Ende Juli und der Weihnachtsfeier am 19. Dezember 2014. Die Gebäudeabschnitte 3+4 wurden Ende März 2015 fertiggestellt.

Besondere Herausforderungen aus Sicht der ausführenden Stahlbaufirma:
Zu den besonderen Herausforderungen an die Stahlrahmenkonstruktion des Modulbaus gehörte die Bauform des Gebäudes: Das Obergeschoss liegt über einem weit zurückspringendem Sockel, um architektonisch für die obere Etage einen „schwebenden“ Eindruck zu erzielen. Die Auskragung von 3 Metern Länge im Obergeschoss ist für den Modulbau ungewöhnlich groß. Auch die Dimension der Module mit einer lichten Höhe von ca. 4 Metern, dem Maximum, das in Deutschland auf Straßen transportiert werden darf, macht den Modulbau für das Innovationszentrum Merck besonders. Auf Wunsch der Architekten sollte das Fassadenraster durchgehend und sichtbar sein. Dies war bei den auskragenden Elementen nur mit besonderen Lösungen möglich.

Fertigstellung
2015
Ingenieur
Bollinger + Grohmann
Bauherr
Merck KG, Darmstadt