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Olympiastadion Berlin – Tribünenüberdachung

gmp

Laudatio zum Preis des Deutschen Stahlbaues 2004

Der Deutsche Stahlbaupreis 2004 wird an ein Bauwerk vergeben, das sich als weitgespanntes Dachtragwerk eines Stadions in einem klassischen Anwendungsgebiet des Baustoffes Stahl wiederfindet.

Einzigartig bzw. besonders an dem Projekt der Architekten gmp und der Ingenieure Krebs und Kiefer beim Umbau des Berliner Olympiastadions ist das Zusammenführen einer Vielzahl Einfluss nehmender Parameter aus Sport, Denkmal und deutscher Geschichte, die in ein stimmiges und ausgewogenes Gesamtkonzept umgesetzt wurden.

Unter Einbeziehung unterschiedlichster, denkmalpflegerischer Anforderungen entsteht zunächst einmal wieder ein großes Stadion, das allen heutigen Anforderungen an eine funktionierende Sportstätte internationalen Standards entspricht.

Dem in vielerlei Hinsicht „schweren“ Stadion-Denkmal im Sockelbereich wird ein „leichtes“ Dach überstellt. So löst sich der Innenbereich lichtdurchflutet auf mit Hilfe entsprechender Glaskonstruktionen und weißen, fast entmaterialisierten, lichtdurchlässigen, teflonbeschichteten Membranen.


Zusammen kommen Alt und Neu lediglich im Bereich von 16 Baumstützen, die im Zuschauerbereich angeordnet werden mussten, und einer durchlaufenden Stützenreihe im Kronenbereich der denkmalgeschützten Außenfassade. Räumlich entsteht eine weitestgehend entmaterialisierte Fuge, eine Inszenierung des respektvollen Abstandes zwischen dem alten Sockel und der neuen Dachkonstruktion – durfte die historische Fassade des Sockels doch nicht durch neue Konstruktionselemente verstellt oder ergänzt werden! Im westlichen Bereich des Marathontores führten ähnlich anspruchsvolle Auflagen zu hohen konstruktiven Anforderungen an die Dachkonstruktion – die Forderungen nach einer kompletten Öffnung zur historischen Sichtachse des Glockenturmes untersagten herkömmliche Konzeptionen von durchlaufenden Zug- und Druckringen.

Diese übergeordneten städtebaulichen sowie aus dem Denkmalschutz begründeten Parameter führten zu einer eher materialintensiven Stahlkonstruktion. Trotzdem tritt das Dachtragwerk angesichts seiner wunderbar leicht und textil wirkenden Verkleidung nicht als primär gestalterisches, wirksames Element in den Vordergrund.
Die Auskragung zum Stadion-Innenbereich wurde durch Auflast mit Betonballast im Randbereich ausgeglichen.


Auch wenn das architektonische Konzept – für sich betrachtet – durchaus in jeweiligen Teilaspekten Potential beinhalten mag, in entsprechenden Fachrubriken diskutiert zu werden, ist die Jury beeindruckt von der Synthese aus Alt und Neu.

Durchaus innovativ in der Bewältigung der unterschiedlichsten Belange entsteht ein neues Ganzes, ohne dass das alte Stadion nebst seinem „historischen Erbe“ dabei zugedeckt wird. Im Zusammenspiel von „beladenem“ Sockel und leichtem, ruhigem Dach wird, ohne die Geschichte auszublenden, eine Konzentration und räumliche Spannung erzeugt auf das, was der Bau erfüllen soll: die Funktion einer Sportarena!

Fertigstellung
2004
Architekt
gmp – von Gerkan, Marg und Partner Architekten, Berlin
Ingenieur
Krebs und Kiefer Beratende Ingenieure für das Bauwesen GmbH, Darmstadt Schlaich, Bergermann und Partner, Stuttgart