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Ortenau-Brücke , Lahr

Foto: Oliver Kern

Auszeichnung
Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2019
EiSat GmbH / Henchion Reuter Architekten

Laudatio

Markant und selbstbewusst schwingt die neue Ortenaubrücke über die Einfahrtstrasse von der Rheintalautobahn nach Lahr und verbindet die Stadt mit einem zur Landesgartenschau 2018 geschaffenen Naherholungsgebiet.

Die stimmige Komposition mit dem abgeknickten Mast und einem asymmetrischen Überbau, der konsequent auf den gekrümmten Grundrissverlauf und die einseitige Aufhängung reagiert, schafft einen hohen Wiedererkennungswert und markiert prägnant den Ort. Die spektakuläre Brückenkonstruktion mit ihren sorgfältig geplanten und ausgeführten Details, mit ihrer robusten Integralen Lagerung und ihrer effizienten Herstellung zeugt von der Kreativität, der Sorgfalt und dem Fachwissen der Ingenieure und repräsentiert eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit von Stahl im modernen Brückenbau.

20.11.2018 | Die Jury

Erläuterungsbericht zur Einreichung beim 'Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2019'
von EiSat GmbH / Henchion Reuter Architekten

Aufgabenstellung
Im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens um die Ausrichtung der Landesgartenschau 2018 erhielt die Stadt Lahr seinerzeit den Zuschlag. Zentraler Gegenstand dieser Bewerbung war die Weiterentwicklung des freiraumplanerischen und städtebaulichen Potenzials im Lahrer Westen zu einer dauerhaften grünen Infrastruktur und zu einem grünen und sozialen Mittelpunkt für die Stadtteile Langenwinkel, Mietersheim und Dinglingen, verbunden durch eine Fuß-/Radwegüberführung über die dortigen Bundesstraßen.
 

Foto: Oliver Kern


Das neue Brückenbauwerk verbindet zum Zeitpunkt der Landesgartenschau 2018 die beiden Parkteile Mauerfeld- und Stegmattenpark miteinander und darüber hinaus werden übergeordnete neue Radwegbeziehungen hergestellt. Gleichzeitig steht die Brücke als eine „Landmarke“. 
Es galt eine zeitgemäße Fuß-/Radwegbrücke zu entwickeln, welche der besonderen Situation an der Schnittstelle zweier Parks und zweier Bundesstraßen gerecht wird und darüber hinaus die Stadteinfahrt von Lahr angemessen akzentuiert.

Lösungsweg
Selbstverständlich und ordnend, im Lageplan als sauberer Kreisabschnitt ausgebildet, liegt die neue Brücke in dem stark heterogenen Umfeld an der Schnittstelle zweier Bundestraßen und Parks. Der 50 Meter hohe Pylon an der Stadteinfahrt von Lahr akzentuiert diese Schnittstelle als „Landmarke“.
Der Entwurf des Brückenbauwerks gliedert sich in drei konstruktiv eigenständige Zonen. Der Mittelteil ist eine filigrane Stahlkonstruktion gefasst von zwei Randzonen in konventioneller Massivbauweise aus Stahlbeton. Die Gesamtlänge der Brücke beträgt 290 m, wobei die freie Spannweite im Mittelteil rund 115 m beträgt. Der Mittelteil als eigentliches Haupttragwerk ist als Schrägseilbrücke konzipiert. An dem innerhalb der Verkehrsinsel rückverankerten Pylon hängt über eine schräg verlaufende Seilschar ein leichter, stählerner Überbau.

Der Brückenmittelteil besteht aus einer reinen Stahlkonstruktion aus geschweißten Blechen. Dabei kommt sowohl Stahl der Güte S235 als auch S355 zum Einsatz. Ebenso wie der dicht geschweißte Torsionskasten des Überbaus wird auch der Pylon als verschweißtes Trapez aus Blechen gefertigt. Der stählerne Pylon ist formal entsprechend den statischen und konstruktiven Anforderungen optimiert. Abgehängt wird der Überbau über eine Schar hochfester, vollverschlossener Spiralseile. Die anschließenden Randbereiche werden als Rampenbauwerke in Massivbauweise C35/45 aus veredeltem Sichtbeton gefertigt. Die Lauffläche sowie die innere, geschlossene Brüstung (Innenradius) erhält eine orangefarbene Epoxidharzbeschichtung. Ein schräg geneigtes und weit auskragendes Flachstahlgeländer bildet eine „transparente“ Brüstung (Außenradius). Der Handlauf besteht aus Edelstahl mit integrierter und blendfreier LED-Beleuchtung. Durch das transparente Geländer zur B36/B415 (Außenradius) leuchtet der orange Boden sowie die geschlossene Innenbrüstung bei Nacht. Der Pylon und die Seile werden über verschiedene Boden- und Einbaustrahler von unten illuminiert. Sämtliche Leuchtmittel sind leicht revisionierbar sowie verbrauchsoptimiert (LED).

Zusammenfassung
Das Brückenbauwerk beinhaltet eine Vielzahl von außergewöhnlichen Herausforderungen im Ingenieurbau. Insbesondere die Interaktionen der komplexen Lastfallkombinationen an der Einspannstelle der als Widerlager fungierenden Treppenabgänge erforderten vielfältige Betrachtungen. Dazu gehörten Grenzwertabschätzungen der Steifigkeiten der Pfahlgruppen der Gründung, das Zusammenspiel der thermischen Zwängungen des Überbaus mit den übrigen außermittigen Laststellungen und schließlich die konstruktive Umsetzung der Einspannung des stählernen Überbaus im Beton. Als Ergebnis wurde die konstruktive Umsetzung über ein stählernes Einbauteil („Igel“) entwickelt. 
Weitere anspruchsvolle Aufgaben waren die Formfindung und die damit verbundene Optimierung der Schlankheit des Pylons sowie die dynamische Analyse der schwingungsanfälligen Struktur insgesamt. Zur Bedämpfung des Überbaus wurden durch die Firma Gerb mehrteilige Schwingungstilger entwickelt, welche in den Sicken der orthotropen Platte ebenengleich verbaut werden können.
Durch die Planungsarge wurde zudem gemeinsam mit dem Ausführungsbetrieb eine optimierte Montageplanung entwickelt. Dabei wurden großformatige Elemente zur Baustelle geliefert und in kürzester Zeit (1 Woche) miteinander verschweißt. So konnte die Sperrung des sensiblen Verkehrsknotens auf wenige Tage beschränkt werden.
Insgesamt wurde das Augenmerk auf eine hohe gestalterische Qualität in der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Objekt- und Tragwerksplanung gelegt.
Das Brückenbauwerk besitzt eine extrem hohe Prägnanz und Zeichenhaftigkeit für den Stadteingang von Lahr. Der Pylon bildet dabei einen selbstbewussten und eleganten Kontrast zu den benachbarten Hochhäusern. Die konstruktiven Details sind von hoher Qualität und von einer zurückhaltenden Eleganz. Die Wegeführung ist klar und selbstverständlich und erfüllt die funktionalen Anbindungen in optimaler Art und Weise. Sie führt den Nutzer auf kurzem Weg vom Stegmattenpark zum Mauerfeldpark. Die neue Fuß- und Radwegbrücke bietet zum einen als „Landmarke“ zahlreiche Blickbeziehungen aber auch für seine Nutzer vielfältige Ausblicke in die neuen Parkanlagen sowie in die Stadt und in die Landschaft.
Insgesamt ist ein Bauwerk entstanden, welches weit mehr als ein reines Verkehrsbauwerk ist. Es war nicht nur Signet und zentraler Fixpunkt für die Landesgartenschau 2018. Die Ortenaubrücke wird auch in Zukunft für die Stadt Lahr ortbildprägend bleiben. In dieser Außenwirkung wird sich die Brücke als attraktives Wahrzeichen etablieren und als touristisches Highlight fungieren.

 

Fertigstellung
2018
Architekt
Henchion Reuter Architekten, Berlin
Ingenieur
EiSat GmbH, Berlin
Bauherr
Landesgartenschau Lahr 2018 GmbH, Lahr