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PGE Arena Danzig

Foto: RKW Architektur + Städtebau

Bericht der Architekten
Wenn im Sommer 2012 die Fußball-Europameisterschaft in Polen startet, schließt sich in Danzig ein Kreis. Hier war es, wo 1980 mit der Gründung der Solidarnosc der Grundstein für den Aufbruch des modernen Polen nach Europa gelegt wurde. Über 30 Jahre später ist nun Europa im Aufbruch nach Polen. Hunderttausende Besucher aus Italien und Spanien, aus Irland und Deutschland werden in der historischen Hafenstadt zu Gast sein. Für dieses völkerverbindende Fußballfest steht ein Gebäude Pate, das schon als Aushängeschild bei der Bewerbung des Landes bei der UEFA gedient hat: die PGE-Arena.

In Sichtweite der geschichtsträchtigen Schiffswerften, bildet es einen Ankerpunkt der urbanen und wirtschaftlichen Entwicklung eines ganzen Danziger Stadtviertels. Und dank seiner Transparenz, seiner Leichtigkeit und seiner bernsteinfarbenen Leuchtkraft wird es zu einem identitätsstiftenden Symbol für die alte Hansestadt. Kurzum: ein Flaggschiff.

Die Gestaltung von RKW Architektur + Städtebau ist geprägt durch grundsätzliche Motive, die eng mit der Stadt Danzig verbunden sind. Vor allem ist es der Bernstein, das „Gold der Ostsee“, dessen Verarbeitung in den Gassen der Altstadt eine reiche Tradition hat. Seine Form und Farbe findet sich in der ebenmäßigen, in verschiedenen warmen Farbtönen schimmernden Außenhaut des Stadions wieder. Dazu wurde ein spezielles Polycarbonat verwendet, das durch ein ausgeklügeltes Lichtkonzept gerade im Dunkeln eine weithin leuchtende Wirkung hat. Das zweite Motiv ist der für die Region typische Schiffbau. Wie die Spanten und Planken, aus denen die Schiffbauer früher ihre so filigranen und gleichzeitig extrem dauerhaften Holzschiffe zusammensetzten, wirkt die Tragekonstruktion der Arena. Ein regelmäßiger Rhythmus der Bauelemente sorgt dabei für Sicherheit und Stabilität, der Modulmix der Platten für die Virtuosität des optischen Eindrucks. Der Mix der Hülle aus sechs verschiedenen Modulvarianten ist spannend und abwechslungsreich, und doch in einem Effekt identisch: nach oben hin werden die Module zunehmend transparenter. Fast scheint sich die Hülle also nach oben hin aufzulösen – sie fließt regelrecht in den Himmel über. Dieser Effekt sorgt auch für ausreichenden Sonnenlichteinfall für den Spielfeldrasen.


Der Effekt: Landmarke und Mittelpunkt
Neben dem Stadion entstehen auf dem Areal auch weitere Nutzungen, etwa ein Hotel und Einkaufsmöglichkeiten. Wie Findlinge und Kiesel sind sie angeordnet, liegen harmonisch und wie durch den Schliff der Gezeiten geprägt in der Nähe des Ostseestrandes. Die Arena wird damit zu einem wichtigen Baustein einer Neuorientierung zum Wasser der Danziger Bucht, zu der auch die Umstrukturierung des ehemaligen Werftgeländes gehört. Sie bildet das Zentrum eines Dreiecks zwischen City, Werftgelände und Airport und ist als attraktiver Anziehungspunkt für die Menschen aus allen Stadtteilen leicht zu erreichen.

Weit über die Europameisterschaft hinaus wird die 43.000 Besucher fassende Arena zu einem Wegweiser am Horizont, der den Besuchern als Generator sportlicher Energie Spannung Emotionen verspricht. Vor allem aber ist sie gut auffindbar, mit einer Fernwirkung über die Stadt hinaus ausgestattet. Besucher, die sich dem facettenreichen Bauwerk nähern, nehmen es auf dem Weg auf vielfältige Weise wahr. Wirkt die Arena aus der Ferne noch als lichte Landmarke, wandelt sie sich bei der Annäherung beinahe Schritt für Schritt: zuerst wird die ans Meer gemahnende Wellenform deutlich, dann die tragende vertikale Struktur der Träger und später die horizontale Struktur der Platten. Zum Schluss, im Inneren, offenbart sich den Besuchern ihre entmaterialisierte und nach oben transparente Substanz. Ein würdiges Wahrzeichen für die weltberühmte Stadt Danzig.

Nachhaltigkeit / Vorhandene Ressourcen nutzen
Die Frage, wie ein Bauwerk aus tausenden Tonnen Stahl und Beton als nachhaltige Maßnahme umgesetzt werden kann, interessiert zunehmend Investoren und Betreiber von Fußballstadien. Inwieweit eine zwar PR-wirksame Photovoltaik-Anlage als Stadiondach für die geringe Anzahl der Betriebsstunden sinnvoll ist, wird dabei oft übersehen. Tatsächlich lassen sich in weniger sichtbaren Maßnahmen bestehende Ressourcen nutzen und dadurch Betriebskosten sparen sowie die Umwelt schonen. In der PGE Arena wird die gesamte Regenentwässerung der gewaltigen Dachfläche in einer unter den Tribünen errichteten Zisterne gesammelt. Deren Fassungsvermögen von ca. 3. Mio. m³ schont bei starken Regenfällen nicht nur die Leitungen der städtischen Entwässerung, sondern versorgt auch die Beregnungsanlage des Spielfeldrasens. Während der Fußballspiele speist die Zisterne außerdem die Spülung der Zuschauer-WCs.

Zur Sicherung der Stromversorgung verlangen FIFA und UEFA eine dreifache Redundanz. Zum einen muss die städtische Elektrizitätszufuhr aus mindestens zwei unabhängigen Netzen eingespeist werden, zum anderen muss eine stadioneigene Notstromanlage bei einem Stromausfall für die Grundversorgung aller Sicherheits- und Medieneinrichtungen sowie für die Beleuchtung des Spielfelds sorgen. Die PGE-Arena nutzt diese Notstromdiesel während des regulären Spielbetriebes, um Leistungsspitzen abzudecken. Die Abwärme der Motoren speist über Wärmetauscher die Rasenheizung und andere Stadioneinrichtungen.

Konstruktion Tragwerk
Das von den Ingenieuren von Bollinger + Grohmann in Kooperation mit RKW entwickelte räumliche Stahltragwerk ist mit seiner Filigranität und Transluzenz ein integraler Bestandteil des Stadion-Entwurfs. Die Konstruktion funktioniert in Analogie zum Ort des Geschehens als vielgliedriges System. Nicht ein einzelnes, entsprechend (über-)dimensioniertes Bauteil sorgt für die Stabilität der Konstruktion, sondern ein Organismus von ineinander greifenden, wechselseitig abhängigen Einzelelementen. Mit anderen Worten: Der Star ist die Mannschaft.


Die primäre Tragkonstruktion, die vom Massivbau der Tribünen komplett entkoppelt ist, wird aus insgesamt 82 spantenförmigen Viergurtbindern im Achsabstand von 8,40 Metern gebildet, die konzentrisch zur Dachfläche angeordnet sind. Die Höhe der skulptural geformten Binder beträgt vom Fußpunkt bis zur Dachfläche rund 38 Meter, über die Sitzränge kragen sie etwa 50 Meter aus. In tangentialer Ausrichtung zur Dachfläche verbinden die Viergurtbinder umlaufende Stahlprofile, die zusammen mit den Diagonalverbänden die Dachfläche zu einer Scheibe ausbilden.

Der Lastabtrag des Stadiondachs erfolgt im Wesentlichen über zwei Komponenten: über die Viergurtbinder einerseits, die aus statischer Sicht einen „einhüftigen Rahmen“ bilden und die vertikalen Lasten mit einem beweglich konstruierten Fußgelenk in den Boden einleiten, und die Druckringe in Kombination mit den Verbänden im Dach andererseits, die zu einer liegenden steifen Scheibe ausgebildet wurden und die horizontalen Kräfte übernehmen.

Die Obergurte der Viergurtbinder sind am Punkt maximaler Krümmung auf 4,13 Meter auseinandergespreizt und laufen an den Enden direkt aufeinander. Die beiden Untergurte, die die gleichen Profilmaße wie die Obergurte haben, schließen sich bei einer maximalen Spreizung in der Bindermitte von 1,16 Metern ebenfalls an den Enden. Sowohl die Obergurte als auch die Untergurte sind mittels druck- und zugbelasteter Diagonalen miteinander verbunden. Die 82 Binder sind identisch. Bei vorgegebener Höhe und Auskragung wurden die Öffnungswinkel der Ober- und Untergurte sowie die Zahl der Diagonalen parametrisch modelliert. Insgesamt führte dies zu einer Beschleunigung des Entwurfsprozesses, zu einer Verringerung des Stahlverbrauchs und zugleich zu einer Erhöhung der Wirtschaftlichkeit des Herstellungsprozesses. So setzen die Teile des Stahltragwerks in mehreren Bedeutungsebenen – etwa die Erinnerung an die Schiffsbautradition Danzigs - die Entwurfsidee fort und stärken sie.

Preis des Deutschen Stahlbaues 2012 - Auszeichnung
Laudatio der Jury
Vom Standort Danzig inspiriert, folgt der Entwurf dem Motiv eines Bernsteinkiesels. Die konstruktive Umsetzung erinnert an traditionelle Schiffsrumpfkonstruktionen. Im Ergebnis assoziiert die Arena ein farbiges, transluzent schimmerndes Gefäß. Das Stahltragwerk ist mit seiner technischen Filigranität integraler Bestandteil des Stadionentwurfs. Die eng nebeneinander stehenden, spantenförmigen Viergurtbinder bilden einen feingliedrigen Trägerkranz, der durch einen schlanken Druckring geschlossen wird und die Arena räumlich fasst.

Die PGE- Arena bildet einen städtebaulichen Ankerpunkt der urbanen Entwicklung im Umfeld der geschichtsträchtigen Danziger Schiffswerften. Mit wenigen, klaren Elementen schaffen Architekten und Ingenieuren eine harmonische Komposition aus Licht, Form und Konstruktion.

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Fertigstellung
2011
Architekt
RKW Architektur + Städtebau, Düsseldorf RKW Spólska, Warschau HPP International, Düsseldorf
Ingenieur
Bollinger und Grohmann GmbH
Bauherr
Biuro Inesetycji Euro Gdansk