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Sanierung Staatstheater am Gärtnerplatz, München

© POGO Zach

Erläuterungsbericht von Atelier Achatz Architekten, AJG-Ingenieure GmbH, Brandl Eitensheim


Neubau Orchesterprobensaal

Im Zuge der Sanierung des Gärtnerplatztheaters in München wurden die denkmalgeschützten Foyerbereiche und das Zuschauerhaus behutsam instandgesetzt, der bauliche Brandschutz nach heute gültigen Vorschriften ertüchtigt und die haustechnischen sowie sicherheitstechnischen Anlagen vollständig erneuert.

Die historischen Fassaden wurden in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege von diversen Umbauten und baulichen Überformungen aus der Nachkriegszeit befreit und präsentieren sich jetzt wieder in ihrer ursprünglichen formalen Gliederung und einer dezent pastellgrauen Farbfassung.

Um für alle Funktionsbereiche des Theaters, die vor dem Umbau auf mehrere unterschiedliche Standorte in der Stadt verteilt waren, ausreichend Platz in einem effizient organisierten Gesamtensemble am zentralen Theaterstandort zu schaffen, wurden die in verschiedenen Bauphasen hinzugefügten Gebäudeteile rückwärtig des Bühnenturms durch einen Neubau ersetzt. Dieser erstreckt sich mit insgesamt elf Geschossen zwischen den historischen Bestandsfassaden und den angrenzenden Nachbargebäuden und beherbergt neben Lagern und Werkstätten auch alle Probenräume des Theaters.

© POGO Zach


Gestaltung

Eine besondere Bedeutung hat dabei der Orchesterprobensaal - sowohl für das Theater selbst, dessen Orchester eine zentrale Säule des stark musikalisch ausgerichteten Drei-Sparten-Hauses ist, als auch für die architektonische Prägung der durchgeführten Sanierung.

Der neu errichtete Baukörper setzt sowohl formal als auch von der Materialität einen deutlichen Kontrapunkt zu den historischen Bestandsbauteilen und differenziert klar lesbar die unterschiedlichen Entstehungszeiten. Die Metallhaut stellt mit ihrem matt-hellen Bronzefarbton wiederum einen gestalterischen Bezug zum Pastellgrau der denkmalgeschützten Bestandsfassaden.


Funktion

Primär dient das Bauwerk der musikalischen Proben des Orchesters. Es bietet Platz für 70 Musiker und ihre Instrumente, sowie nach Bedarf noch 80 Chorsänger, denen der Raum optimale Arbeitsbedingungen in angenehmer Atmosphäre und bei guter Tagesbeleuchtung ermöglicht.

Der Raum kann darüber hinaus auch für vielfältige öffentliche Veranstaltungen des Theaters mit bis zu 199 Personen genutzt werden.

Um ein für Konzertproben wichtiges, maximales akustisches Raumvolumen zu erreichen, wurde eine kuppelförmige Grundgeometrie gewählt, die es gleichzeitig ermöglicht, die erforderlichen Abstandsflächen zu den Nachbargebäuden einzuhalten.

Durch die geschuppte und leicht asymmetrische Anordnung der einzelnen Kuppelbögen wird die konkave Grundform des Innenraumes mit konvexen Raumflächen ergänzt, die wichtig für eine gleichmäßige Schallverteilung und gute Raumakustik sind. Anhand intensiver akustischer Modellsimulationen wurde so eine optimale Formgebung entwickelt, die schwungvoll und selbstverständlich die funktionalen Anforderungen an Akustik und natürliche Belichtung mit gestalterischer Ausdruckskraft vereint.

Tragwerk, Konstruktion und Nachhaltigkeit

Da der Orchesterprobensaal auf einer weitgespannten, stützenfreien Decke über dem Kulissenmagazin angeordnet ist, war eine freitragende, möglichst leichte Konstruktion erforderlich, im Bezug auf Brandschutz musste sie aus nicht brennbaren Materialien ausgeführt werden.

Diese bautechnischen Anforderungen in Kombination mit der komplexen Geometrie führten zur Wahl eines räumlichen Stahltragwerkes, mit dem die facettierte Form ideal umgesetzt werden konnte. Das Bauwerk besteht aus drei miteinander verbundenen Tragsystemen: Dem Haupttragwerk, dem Außentragwerk (Dach, Fassade) und dem Innentragwerk (Akustikschale).

Die Ausführung erfolgte mit in den Knoten verschweißten Rechteckrohrprofilen, deren Querschnitte auf die statischen Anforderungen ausgelegt wurden und den Probensaal stützenfrei überspannt. Damit konnten sowohl die Anforderungen an die Nutzung, die Geometrie aber insbesondere auch an die Dauerhaftigkeit optimal erfüllt werden. Durch den Einsatz von Stahl als primäres Tragelement ist ein weitestgehend wartungsfreies Tragwerk entstanden, das eine flexible Nutzung ermöglicht und Betriebskosten minimiert. Der Materialeinsatz konnte durch das im Verhältnis zu anderen Baustoffen geringere Eigengewicht reduziert und damit die Ressourcen auch in den darunterliegenden Geschossen effizient eingesetzt werden.

Fertigung und Montage

Auch die baulogistisch schwer erreichbare Lage des Orchesterprobensaals mitten im Zentrum des dreieckförmigen Grundstücks war ein Kriterium für die Stahlbaukonstruktion, die werksseitig in einer Halle vorgefertigt wurde und dann in großen Segmenten zur Endmontage mit Baukränen eingehoben wurde.

Basierend auf den dreidimensionalen CAD-Planungen der Architekten zu den Hüllflächen und dem Stabmodell der Tragwerksplaner wurde durch die ausführende Firma zunächst ein vol lständiges 3d - Konstruktionsmodell erstellt, mit dessen Daten die tragenden Hohlprofile in einem XXL- Rohrlaser exakt für jede Knotenverbindung zugeschnitten wurden. Diese präzise Bearbeitungsmethode ermöglichte eine reibungslose Vormontage der gesamten Stahlkonstruktion, die anschließend mit Tiefladern vor Ort gebracht und final zusammengefügt wurden.
 

Besonderheiten

Eine besondere Herausforderung bei der leichten Bauweise war der extrem hohe Schallschutz (Immissionsschutz gegenüber den Nachbarn) in Kombination mit bauphysikalischen Aspekten. Mit einem mehrschaligen, absolut luftdichtem Aufbau und einer schallentkoppelt eingehängten Innenschale aus Akustikplatten erreicht die Hülle des Probensaals ein bewertetes Schalldämmmaß R ' w von über 53dB. Das Tragwerk des Orchesterprobensaals wurde hierfür nach außen hin mit einem mehrschichtigen Aufbau aus zementgebundenen Spanplatten, einer 180mm starken Steinwolldämmung sowie einer FPO-Flachdachdichtbahn geschlossen. Die äußere Hülle bildet eine thermisch getrennt montierte Fassade aus eloxierten Aluminiumtafeln.

Nach Innen ist ein komplett schallentkoppeltes System aus Akustikplatten auf einem Tragrost aus Stahlprofilen eingehängt.

Eines der Highlights des Orchesterprobensaals ist die polygonal konvex/konkav geformte Glasfassade, die den Blick über München hinweg freigibt. Die Fassade besteht aus individuell angefertigten, verschweißten Dreiecksprofilen, auf denen die Schallschutz-Isolier-Verglasung in einem Dichtungssystem aus Sondersilikonprofilen und Pressleisten montiert wurde. Sie erreicht mit R ' w=47dB die maximalen Schalldämmwerte, die mit einer einschaligen Konstruktion heute technisch realisierbar sind.

Auch wenn das neue Orchesterprobengebäude zum öffentlichen Straßenraum nicht in Erscheinung tritt, so stellt es mit seiner zentralen Position im Herzen des Theaterkomplexes ein neues und emotionales Wahrzeichen des Theaters dar, das auch die inhaltliche Dynamik des Theaterbetriebes in den traditionsreichen Mauern des Gärtnerplatztheaters symbolisiert.

In Bezug auf denkmalgerechtes Bauen und anspruchsvolle Baukultur bildet es eine spannende Symbiose zwischen Tradition, Funktion und moderner HighTech- Konstruktion.

Fertigstellung
2017
Architekt
Atelier Achatz Architekten, München
Ingenieur
AJG Ingenieure GmbH, München
Bauherr
Staatliches Bauamt München