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Schutzdach der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe, Şanlıurfa, Türkei

Foto: Deutsches Archäologisches Institut

Auszeichnung
Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2019
EiSat GmbH mit kleyer.koblitz.letzel.freivogel Gesellschaft von Architekten mbH

Laudatio

Das räumliche Tragwerk des Schutzdaches am Göbekli Tepe in der Osttürkei überspannt das gesamte archäologische Ausgrabungsfeld als leichte Membran- und Stahlkonstruktion. Überdachung, Besuchersteg und seitlicher Sonnenschutz sind zu einem effizienten integralen System gefügt, welches nur wenige behutsam angeordnete Gründungspunkte braucht. Trotz ihrer Komplexität lässt sich die Struktur im Ergebnis auf einfache und gut ablesbare Prinzipien reduzieren.

Die Jury würdigt die vorbildliche Arbeit der Ingenieure vom Entwurf über die Formgebung bis in die Detaillösungen. Alles trägt, aber nichts trägt nur.

19.11.2018 | Die Jury

Erläuterungsbericht zur Einreichung beim 'Ingenieurpreis des Deutschen Stahlbaues 2019'
von EiSat mit kleyer.koblitz.letzel.freivogel Architekten

Aufgabenstellung
Nahe der türkischen Stadt Sanlıurfa erhebt sich auf einer markanten Hügelkette der gewaltige Ruinenhügel von Göbekli Tepe, bestehend aus monumentalen Ritualbauten, deren Entstehung bis in das 10. Jh. v. Chr. reicht. Hierfür musste eine Schutzvorrichtung erstellt werden, um diese Zeugnisse der Menschheit vor Witterungs- und sonstigen ihnen zusetzenden Einflüssen zu sichern. Aufgabe war es, das Ausgrabungsareal als Denkmal der Menschheitsgeschichte und UNESCO Weltkulturerbe zu schützen und gleichzeitig als Teil eines zukünftigen Archäologieparks die Entwicklung eines nachhaltigen Tourismuskonzepts zu unterstützen.

Foto: Dogus Group

Die Zielstellung für den Entwurf bestand darin, die Kultstätte mit einem entsprechenden Dach auszustatten. Das bedeutete aus Sicht der Planer, das gesamte Ensemble abzudecken und die vier freigelegten Steinkreise ohne störende Mittelstützen zu überdachen, um die räumliche Zusammensetzung des Areals darzustellen. Intention war es, die Besucher möglichst nah an die T-förmigen Stelen zu führen, ohne dabei eine gewisse Schutzdistanz zu unterschreiten. Die historischen Artefakte sollten eine gute, kontemplative Beleuchtung und natürliche Belüftung erhalten. Es wurde angestrebt, eine Leichtbaustruktur zu errichten, die sich symbiotisch in die Topografie einfügt und für ausgewählte Landschaftsansichten sorgt.

Lösungsweg
Das Schutzdach ist so konzipiert, dass es als abstrakte Großform erkennbar ist und alle einzelnen Strukturelemente weitestgehend in den Hintergrund treten. Als Grundform wurde eine Ellipse gewählt, welche die vier Steinkreise bestmöglich abdeckt und schützt. In der dritten Dimension ist diese Ellipse in zwei Achsen gegenläufig gekrümmt. Die resultierende antiklastische Oberfläche fügt sich in die Beckentopografie von Göbekli Tepe ein, erlaubt aber dennoch einen seitlichen Blick auf die Außenlandschaft. Formal sichtbar besteht die Struktur aus drei Elementen: der Dachhaut selbst, den schrägen Dachwerkstreben und der Stegebene, welche die Ausgrabungen einschließt.

Das Membrandach schließt an einen umlaufenden, elliptischen Dachringträger auf schräggestellten Stahlstützen an. Dieser Druckring als aufgelöster Dreigurtfachwerkträger folgt der Dachform des hyperbolischen Paraboloids. Die harmonische Anordnung seiner Radial und Diagonalstreben ist Ergebnis einer parametrischen Entwicklung. Die Dachkonstruktion ist auf einem ebenfalls elliptischen, umlaufenden Besuchersteg aufgeständert. Die Besucher-Stegebene folgt dem aufund abschwingenden Geländeverlauf. Die wenigen und sehr unregelmäßigen Gründungsstellen in der Grabungsstätte im Zusammenhang mit der teilweise großen Tiefe bis zum tragfähigen Felsgestein stellten eine große Herausforderung für die Tragwerksplanung dar. Die Ellipsenform des Bauwerks sowie die teilweise nach innen verformte Lage des Besuchersteges wurden so gewählt, dass möglichst viele der vorgegebenen Gründungspunkte aufgenommen werden konnten. Diese Geometrie wurde in Abstimmung mit den Archäologen im Rahmen der Vorentwurfs- und Entwurfsplanung – von den parallel laufenden Grabungskampagnen begleitet – iterativ angepasst. Es verblieben allerdings freitragende Bereiche von bis zu 20 Metern zwischen den Stützungspunkten. Aufgrund der großen Spannweiten und Exzentrizitäten wurde die Konstruktion des Stegs im Zusammenhang mit dem Dachring grundsätzlich als vertikaler „Tragring“ in Form eines gekrümmten Fachwerkträgers konzipiert. Der Fachwerkträger hat seinen Obergurt in der Dachebene und seinen Untergurt in der Stegebene. Die umlaufenden Gurte sind durch
Schrägstreben verbunden und entwickeln eine räumliche Tragwirkung. Der gesamte „Tragring” ist auf den unregelmäßig angeordneten Gründungspunkten aufgeständert. Die Dachhaut wurde durch ein vorgespanntes Membrantragwerk realisiert, welches die äußeren Lasten wirtschaftlich und gewichtsparend abträgt. Das sattelförmige, spannseilunterstützte Flächentragwerk hat eine Spannweite von 37 Meter x 45 Meter bei einer Stichhöhe von etwa 7 Metern. Für die Membran kam ein robustes und selbstreinigendes Glasfasergewebe mit PTFEBeschichtung und für das Seilnetz ein galvanisch verzinktes Seil zum Einsatz. Die Haupttragelemente des Sathlbaus wurden in S355 ausgeführt.

Zusammenfassung
Bei der Tragwerksentwicklung stellte sich die vorgegebene kleine Anzahl von unregelmäßigen Gründungspunkten als besondere Aufgabenstellung dar. Die Grabungsstelle liegt zudem in einer Zone leichter seismischer Aktivität. Die Ellipsenform des Bauwerks sowie die teilweise nach innen verformte Lage des Besuchersteges wurden so gewählt, dass möglichst viele der vorgegebenen Gründungspunkte aufgenommen werden konnten. Diese Geometrie wurde in Abstimmung mit den Archäologen im Rahmen der Vorentwurfs- und Entwurfsplanung – von den parallel laufenden Grabungskampagnen begleitet – iterativ angepasst. Es verblieben allerdings freitragende Bereiche von bis zu 20 Metern zwischen den Stützungspunkten.
Aufgrund der großen Spannweiten und Exzentrizitäten wurde die Konstruktion des Stegs im Zusammenhang mit dem Dachring grundsätzlich als vertikaler „Tragring“ in Form eines gekrümmten Fachwerkträgers konzipiert.
Durch die leichte und weitspannende Konstruktion entstanden nur minimale Eingriffe in den archäologisch hochsensiblen Untergrund. Die Überdachung wird nicht nur den Bedürfnissen der weiteren Dokumentation, Konservierung und Forschung gerecht, sondern unterstützt auch als Teil eines zukünftigen Archäologieparks die Entwicklung eines nachhaltigen Tourismuskonzepts.

Fertigstellung
2017
Architekt
kleyer.koblitz.letzel.freivogel Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
Ingenieur
EiSat GmbH, Berlin
Bauherr
Deutsches Archäologisches Institut (DAI) Berlin