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St. Antony – Wiege des Ruhrgebiets

 

Überdachung der industriearchäologischen Grabungsstätte
Ein Projekt des Rheinischen Industriemuseums - Kulturhauptstadt 2010

Bericht der Architekten
Im Rahmen der Kulturhauptstadt wurde die erste Hochofenanlage der Ruhrindustrie von Archäologen ausgegraben und als erlebbares historisches Vermächtnis in das Konzept des Rheinischen Industriemuseums Oberhausen eingebunden. Für diese industriearchäologische Ausgrabung galt es, im Rahmen eines 2007 ausgelobten Wettbewerbes, ein Schutzdach und ein museales Erschließungskonzept zu entwickeln.

Innovation gestern und heute
Die St. Antony Eisenhütte produzierte im 18. und 19. Jahrhundert gusseiserne Produkte von herausragender Qualität. Dieser innovative Geist im Umgang mit Metall ist Grundlage für die neue Dachkonstruktion, die als exemplarische Darstellung dessen dient, was mit geringstem Materialeinsatz und innovativer Konstruktion in unserer Zeit möglich ist. Gleichzeitig erinnert die minimalistische Form des Daches in Schalenform an temporären Wetterschutz aus Zelttuch, das über archäologischen Fundstätten befestigt wird und das sich – gleichsam durch Windsog – nach oben wölbt. Die Dachschale liegt frei über der Ausgrabungsstätte und überdeckt die wesentlichen Teile der archäologischen Funde.


Industriearchäologie vermitteln
Die Besucher erhalten die Möglichkeit am östlichen und westlichen Ende des Grabungsgeländes einzutreten. Zwei Sammelplattformen nehmen auch größere Gruppen auf, informieren über die Geschichte des Ortes und bieten nebenbei die Möglichkeit weitere industrielle Fundstücke auszustellen. Die Eingangsplattform bietet einen Blick in die Landschaft und auf den hinter der Grabungsstätte renaturierten Bachlauf. An die balkonartige Fläche bindet der ca. 80 cm über der Grabungsstätte verlaufende Steg aus Stahlbeton mit Stahlgeländern an. Dieser orientiert sich an der „Störung“ des verrohrten Bachlaufes und folgt in seiner Formgebung dem orthogonalen System der ehemaligen Bebauung und somit den archäologischen Funden. Der behindertengerecht ausgebildete Steg wird wechselseitig von „Informationsträgern“ flankiert, die alle wesentlichen Informationen zu den Fundstellen, wie auch die Beleuchtung und Medien aufnehmen (Lautsprecher, Texte, Bildschirme). Eine exakte Positionierung dieser Info-Stationen auf dem Rundgang wurde in Abstimmung mit der Museumsdidaktik vorgenommen.

Grabungsort in der Parklandschaft
Außerhalb des Grundstückes wurden im Norden und Osten des Geländes Einblickmöglichkeiten geschaffen, die Neugierde auf den Industriearchäologischen Park wecken. Die Böschungen der Ausgrabungsstätte blieben als „Wunde“ in der Landschaft in ihrem rohen unbegrünten Zustand erhalten und wurden zur Stabilisierung geschottert. Die umgebenden Flächen wurden begrünt und somit wieder Teil der Parklandschaft. Der verrohrte Bach wird westlich der Grabung bis unter die Eingangsplattform freigelegt und bildet dort den Übergang in die heutige Landschaft.

Schutz und Konzentration
Die Überdachung des Grabungsfeldes erfolgte mit einer Rippenschale aus verzinktem Stahlblech. Ihre klare Geometrie und minimierte Konstruktion bewirken eine Konzentration auf das Wesentliche. Das Schalendach steht beispielhaft für die stützenfreie Überspannung einer Fläche mit geringstmöglichem Materialaufwand.

Die schützende, bewahrende Geste des Daches vermittelt dem Besucher etwas vom historischen Wert des Ortes. Die Großform des Daches ist Landmarke und sichtbares Zeichen für den besonderen Ort  –  die Wiege des Ruhrgebietes.

Tragwerk
Das ca. 1000 qm große Schalendach, welches die Grabungsstätte freitragend überspannt, hat die Form einer synklastischen Translationsschale. Es ruht auf 4 Fußpunkten, die ein Rechteck von etwa 40 x 18m Größe beschreiben. Entlang seiner Längsseiten wölbt es sich um etwa 2,50 m nach außen. Das Schalendach hat einen Stich von 9,5 m. Es besteht aus 323 ähnlichen aber nicht gleichen Blechtafeln von 5mm Dicke, die sich schindelartig überlappen. Die gelaserten Blechtafeln sind zur Versteifung an jeweils einer Längs- und Querseite um etwa 15 cm auf- bzw. abgekantet. Entlang der Blechtafelränder und im Bereich der Überlappungen der Kantungen sind die Tafeln miteinander verschraubt. Neben den Randverschraubungen sind Dichtbänder eingelegt, um gegen zurückdrückendes Niederschlagswasser zu dichten.

Aufgrund ihrer doppelt gekrümmten Form und der abgekanteten Versteifungen ist die Schale aus 17 x 19 = 323 Schindeln selbsttragend. Durch die Anordnung einer Aufkantungs - Rippenschar auf der Schalenoberseite und der orthogonal verlaufenden anderen auf der Schalenunterseite, entfallen aufwändige Rippenkreuzungen. Die Schale kommt ohne jede Schweißnaht aus. An den Längsrändern der Schale verlaufen geschachtelte, verschraubte Randträger aus stehenden Flachstählen zur Randversteifung.

Die Form jeder einzelnen Schindel ergibt sich aus einer parametrischen Programmierung, die sich bis zum letzten gelaserten Schraubloch detailliert.

Die Schale ist auf Bohrpfählen gegründet, die auch den Horizontalschub aufnehmen. Die Montage der nummerierten Schindeln erfolgte in zwei Teilen neben der Ausgrabung auf einem Leergerüst. Die Teile wurden mittels eines Mobilkrans über die Ausgrabung gehoben, provisorisch versteift und nach der Montage beider Teile miteinander verschraubt.

Sämtliche Stahlschindeln sind nach der Fertigung - Lasern und Abkanten - feuerverzinkt worden, um einen langfristigen Korrosionsschutz sicherzustellen. Die Verzinkung ergibt ein lebhaftes und sehr "metallisches" Farbbild auf den Schindeln, was der Gesamtanmutung der Konstruktion den gewünschten technischen Charme verleiht. Die Entwässerung erfolgt in den Kehlen der Aufkantungen zu den 4 Eckpunkten.

Das Konstruktionsprinzip der Schindelschale - ausschneiden, oben-unten abkanten und verschrauben - eignet sich zur Überdeckung beliebiger Flächen, die aus ebenen Vierecksmaschen zusammengesetzt sind. Bei Anbringung nur eines weiteren Knicks entlang der Diagonalen des Ausgangsrasternetzes kann jede beliebige triangularisierbare Freiformfläche abgebildet bzw. freitragend überspannt werden. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für den Werkstoff Stahl in der aktuellen, oft amorphen Architektur.

Deutscher Verzinkerpreis 2011 – Kommentar der Jury:
Auf dem Gelände der St. Antony Hütte in Oberhausen wurde vor ca. 250 Jahren der erste Hochofen im Revier errichtet. Zum Schutz der archäologisch ergrabenen und wissenschaftlich aufbereiteten Gebäudereste und -spuren wurde ein Architektenwettbewerb ausgelobt, den die Architekten Frank Ahlbrecht und Hermann Scheidt, Essen, gewannen. Die gewählte Schalenkonstruktion aus Metall wurde im Rahmen der Realisierung weiterentwickelt und modifiziert. Sie wird auf vier Punkten gelagert und überdeckt eine Fläche von ca. 40 m x 18 m. Die Schale besteht aus 5 mm starken, feuerverzinkten Blechschindeln, deren Endseiten um jeweils ca. 150 mm auf- bzw. abgekantet wurden. An diesen Auf- und Abkantungen werden die Schindeln miteinander verschraubt. Hierdurch entsteht eine Versteifung, die zu einer Rippenschale führt. Auf der Schalenoberseite verlaufen die Rippen in Längs- und an der Unterseite in Querrichtung. Alle Blechschindeln und die Randverstärkungen der Schale wurden nach der Fertigung feuerverzinkt, sodass ausschließlich Schraubverbindungen zum Einsatz kamen und ein nachhaltiger, dauerhafter Korrosionsschutz gewährleistet wird. Die feuerverzinkte Oberflächenausbildung liefert auf der Ober- und Unterseite der Schale den technischen Charme, verbunden mit dem typischen lebhaften metallischen Farbbild

Preis des Deutschen Stahlbaues 2012 - Auszeichnung
Laudatio der Jury
Die Aufgabe, ein Schutzdach über der Ausgrabungsstätte des vermutlich ersten Hochofens an der Ruhr zu entwickeln, wurde in symbolhafter und innovativ bestechender Weise gelöst.

Die Konstruktion besteht aus dünnen, feuerverzinkten Blechschindeln mit Aufkantungen, welche in überraschender Weise als geschraubte Rippenschale zusammen wirken. Fertigung und Fügung sind eigentlich ganz simpel. Entstanden ist eine leichte Dachschale, welche im Stile eines vom Wind aufgebauschten Wetterschutztuches die Wiege der Ruhrgebietsindustrie frei überspannt.

Die einfache, fast roh wirkende Konstruktion kreiert doch eine faszinierend technisch anmutende, ja überraschende Optik – dem Ort angemessen. Die Überdachung ist ein hervorragendes Beispiel für das erfolgreiche Zusammenwirken von architektonischer Kreativität und genialer Ingenieurskunst.

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Fertigstellung
2010
Architekt
Ahlbrecht • Felix • Scheidt • Kasprusch, Essen-Berlin
Ingenieur
SchülkeWiesmann Ingenieurbüro, Dortmund
Bauherr
Landschaftsverband Rheinland, Köln