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Turmhaus mit vier Wohnateliers

Foto: Roger Frei

Text von Wild Bär Heule Architekten

Mehrfamilienhaus in Winterthur

Zwei grosse Themen dominieren die Debatte über das Wohnen in den Städten: die Verdichtung nach Innen und der Bau günstiger Wohnungen. Beides bedingt sich gegenseitig, doch nicht immer folgt das eine notwendigerweise aus dem anderen. Gerade aber auf der kleinen Parzelle in der Stadt – eine typische Situation im urbanen Kontext – ist die preiswerte Wohnung eine valable Option, da wegen der knappen Fläche die Möglichkeiten sowieso eingeschränkt sind.


Foto: Roger Frei

Das Projekt für ein Mehrfamilienhaus in Winterthur sucht für beide Fragestellungen eine adäquate Antwort – sowohl eine ökonomische wie vor allem auch eine architektonische. Auf das kleine Grundstück in der zweiten Reihe einer Quartierstrasse in Töss wird ein schlankes, viergeschossiges Haus gestellt, das aufgrund seines Verhältnisses von Höhe zu Grundfläche wie ein Turm wirkt. Das Haus muss sich mit dem Platz arrangieren, den es zur Verfügung gestellt bekommt: Es muss in die Form «hineinwachsen», die noch geht. Das Turmmotiv wird weitergesponnen, indem die vier Wohngeschosse vom Erdreich abgesetzt werden. Der Sockel ist eine leicht erhöhte Plattform aus Beton, auf die das Haus gestellt ist. Dieser Logik folgend steht auf dem festen Sockel ein leichtes «Regal», eine Leichtbaufassade aus Stahl und Glas. Im obersten Geschoss schliesst eine Betonplatte das Volumen wieder ab, dazwischen tragen die aussenliegenden Doppel-C-Profile die Geschossdecken und betonen die vertikale Fassade. Nicht das einzelne Niveau ist hier die Einheit, die mehrfach addiert ein Gebäude ergibt, sondern das Haus ist ein Ganzes, umspannt von einer dünnen Haut.

Das Fassadenkleid knüpft mit seinem direkten Auftreten an die industrielle Tradition Winterthurs an, die nicht weit vom Bauplatz entfernt im Sulzer-Areal noch einige bauliche Zeugen hinterlassen haben. Stahl und Glas passen auch konstruktiv zum Industriecharakter, werden sie doch als Einzelteile hoch präzis im Werk gefertigt und dann auf der Baustelle montiert. Zugleich sind es «moderne» Materialien, die selten im Wohnungsbau verwendet werden, da es dort in der Regel gemütlich und konventionell zu und her geht. Das Haus an der Grenzstrasse macht da eine andere Aussage, spricht Menschen an, für die Wohnen nicht nur «Cocooning» und kompletter Rückzug ins Private ist – Stadtmenschen im ursprünglichen Sinn des Wortes also.

Die geplanten Wohnungen im «Turm» sind denn auch ganz auf diesen Stadtmenschen zugeschnitten: Es sind nicht gerade Lofts, auch wenn es nur die eine Wohnungstüre gibt und alle anderen «Zimmer» durch ein im Raum stehendes kombiniertes Bad-Küchenelement gebildet werden. In diesen Wohnungen gibt es keine Korridore, sondern unterschiedlich nutzbare Zonen, und die Wege führen entlang der Fassade. So bewegt sich der Bewohner immer auch an der Grenze zwischen Innen und Aussen, und dank der grossflächigen Verglasung ist die Aussenwelt immer auch Teil der Innenwelt. Indem beim Innenausbau möglichst einfache Lösungen ohne komplizierte Details gesucht und bei den Materialien wie schon bei der Fassade ein direkter, gar spröder Ausdruck gesucht ist, setzen sich die Wohnungen klar vom Luxus-Segment ab.

KONSTRUKTION
Industriecharakter im Wohnungsbau - Edelrohbau ohne Ausbauschichten

auf einem  nur  400 Quadratmeter grossen Grundstück in einem Hinterhof sollen preisgünstige Wohnungen entstehen. Dies in einem Wohngebiet, welches für die Arbeiter und Angestellte des Industriebetriebs Sulzer entstand. Sulzer ist bekannt für die Herstellung von Eisenguss, Pumpen und Apparate für die Textilindustrie. 1898 entstand der erste Sulzer-Dieselmotor in Zusammenarbeit mit Richard Diesel.

Die momentane Umnutzung dieses ehemaligen Industrieareals in direkter Nachbarschaft prägt die Entstehung des Neubaus.

Sichtbare Tragstruktur im Freien

Ein Kellergeschoss in Ortsbeton ist als Sous-Sol ausgebildet und liegt zur Hälfte im Terrain. Seine Decke bildet konstruktiv eine massive Plattform über welcher sich die vier Wohnebenen entwickeln. Um die knappen Platzverhältnisse optimal zu nutzen wird die Tragstruktur nach aussen verlegt. Acht doppel C-Profil-Paare aus Stahl stützen sich auf der Betonplatte ab und tragen die Vertikallasten der drei darüber liegenden Geschossdecken direkt ab. Ein Betondeckel bildet das Dach und schliesst das Gebäude nach ob hin ab. Um die Körperschallanforderung im Wohnungsbau mit minimaler Konstruktionshöhe erfüllen zu können, werden die Geschossdecken in Ortsbeton gegossen. Ein Treppenturm ebenfalls in Ortsbeton errichtet, bildet die Vertikale Erschliessung und gewährleistet die Erdbebensicherheit indem er die Horizontalkräfte übernehmen kann. Alle Bauteile sollen dem Industriecharakter folgend roh belassen bleiben. Der Treppenturm bleibt offen, die Untersichten der Betondecken sind unverkleidet und die Stahlstützen kommen ohne Brandschutzanstrich aus, obwohl sie R 60 erfüllen müssen.

Redunanz – Hybride Konstruktion

Die gelingt aufgrund von Redundanz. Im Brandfall verhindert die Kaminrückwand der Feuerstelle zusammen mit der Duschnische das Einstürzen des Gebäudes. Die Stahlstützen im Freien übernehmen allerdings die Hauptlasten und garantieren vor allen Dingen, dass sich die Deckenrandverformungen in einem  Mass bewegen, welche die Funktionalität der Raumhohen Schiebefenstern nicht beeinträchtigt. Die Deckenlasten werden über speziell gefertigte Stahlkonsolen an die Doppel-C-Profil Stahlzangen übertragen. Zunächst noch thermisch getrennt wurde diese Absicht verworfen da sich die total 24 Durchdringungen mit 60 mm x 100 mm Querschnitt lediglich auf 0.144 m2 belaufen. Dies entspricht zirka 20 Laumetern Kragplattenanschlüssen einer Balkonplatte oder 0.001 % der Gebäudehülle.

Die Schwierigkeit bei dem Projekt bestand in der Hybris der Konstruktion. Der Ortsbeton draussen bei Wind und Wetter geschalt, armiert und gegossen, eingemessen in der Luft und abgestellt auf provisorischen Stützen soll mit dem in der Werkstatt produzierten Stahlbau verbunden werden. Die Anschlüsse der Stahlträger mit den entsprechenden Bohrlöchern müssen millimetergenau gefertigt und passgenau montiert werden, da nach dem Feuerverzinken am Bau keine Korrekturen mehr erfolgen dürfen um Korrosionsschäden auszuschliessen. Die Fussplatten der Stützen und die Konsolen der ersten Decke mussten passgenau in der Schalung eingelegt werden (vgl. Bild 1, Lehre die Aussen an der Schalung fixiert und eingemessen werden konnte). Mit diesen beiden Befestigungspunkten können die acht Doppelträger in ihrer endgültigen Position befestig werden. Bei den Beiden weiteren Geschossdecken können die Konsolen an den Trägern bereits vor dem Betonieren montiert werden. Das Betondach schliesslich musste nur noch bereits aufgestellten Träger gelegt werden. Die Dämmebene funktioniert also wie eine Schatulle. Boden und Decke des Hauses wurden auf der Innenseite des Betons  isoliert, sodass keine thermischen Durchdringungen nötig sind, während die Curtain -Wall Fassade zwischen Träger und und Deckenstirn verläuft und lediglich an acht Punkten pro Ebene durchdrungen wird.

Tektonische Fassade mit Stahl

Da die Wohnräume vollständig verglast sind - um auf den knapp 70 Quadratmetern Wohnfläche möglichst viel Weite zu erzeugen - muss dem Sonnenschutz grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ein semitransparentes Roulo, welches 93 Prozent der Sonneneinstrahlung absorbiert, wird in leichter Schrägstellung zwischen den C-Profilen montiert, sodass eine geschossweise Schuppung entsteht. Diese Schuppung gewährleistet im Sommer bei offenen Schiebetüren eine angenehme Konvektion. Ein raumhohes Stahlnetz mit rautenfömigem Muster vor den Schiebefenstern gewährleitet ferner die Absturzsicherung. Dieses Geflecht ist mit einem feinen Verlauf zum Himmel hin versehen, sodass es sich aufzulösen scheint. Da jedes zweite Fenster als rahmenloses Schiebefenster konzipiert ist entsteht im Sommer der Raumeindruck einer einzigen Loggia. Balkone sind dadurch obsolet. Ein gemeinsamer Dachgarten mit einer Aussenfeuerstelle unter freien Himmel ist für alle Parteien zugänglich.

Fertigstellung
2017
Architekt
Wild Bär Heule Architekten, Zürich
Ingenieur
Schärli + Oettli AG Bauingenieure SIA, Zürich
Bauherr
Konsortium Grenzstraße, Zürich