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Über den Dächern von Hamburg

© Piet Niemann

Text von SNAP

Projektbeschreibung
Auf dem Grundstück am Mittelweg 151 befindet sich das in 1906/1907 über Eck durch den Architekten S.
Engel im seinerzeit prägenden Jugendstil errichtete 4-geschossige Etagenhaus. Die Nutzung des Gebäudes
beinhaltet Wohnen, Gewerbe, Arztpraxen und Kanzleien. Das Gebäude wird in der Liste der Hamburger Baudenkmäler geführt. Alle vorgenommenen Baumaßnahmen wurden daher in enger Zusammenarbeit und mit
vorheriger Abstimmung mit der Kulturbehörde / Amt für Denkmalschutz durchgeführt.

Da das Gebäude während der Kriege zu Beginn des letzten Jahrhunderts von ernsthaften Beschädigungen
weitestgehend verschont geblieben ist, waren erbauungszeitliche Stil- und Schmuckelemente an den Fassaden,
Treppenanlagen sowie einige Ausbaudetails noch vorhanden. Insbesondere jedoch die Ausformung des
Ziergiebels sowie weite Teile des Hamburger Mansarddaches entsprachen nicht mehr dem erbauungszeitlichen
Zustand und waren vor allem auf der Böttgerstraßenseite sichtbar überformt.


© Piet Niemann

Eine deutliche Beeinträchtigung der erbauungszeitlichen Bestandsstruktur bestand durch den Teilausbau
des Dachgeschosses um zwei großflächige Wohnungen. Hierzu sind auf der Rückseite große Bereiche des
Daches abgetragen und durch senkrechte Wände in Fortführung der Fassadenflucht ersetzt worden. Von der
ursprünglichen, zum Hof gewandten Dachkonstruktion, war im Bestand nur noch ein Anteil von ca. 30% erhalten.
Die Baumaßnahme beinhaltete insbesondere die Fassaden inklusive des Ziergiebels zu sanieren und auf
den erbauungszeitlichen Zustand zurückzuführen. Das Hamburger Mansarddach wurde durch zwei neue
gestapelte Dachgeschosse mit sechs modernen Maisonettewohnungen unterschiedlicher Größe mit jeweils
großen Dachterrassen ersetzt.

Eine an Form, Farbton und Neigung des erbauungszeitlichen Mansarddaches eng angelehnte Fassadenkonstruktion aus flachen, in sich leicht geneigten und waagerecht angeordneten Metalllamellen ersetzt die bestehende Mansarddachansicht zu den Straßenseiten. Während der Betrachter aus dem Stadtraum die waagerechte Lamellenkonstruktion aufgrund des Blickwinkels von maximal ca. 55° als geschlossene und homogene Fläche wahrnimmt, ergibt sich von innen ein ganz anderes Bild. Aufgrund des flachen Blickwinkels ist
ein freier Durchblick durch die Lamellen von innen nach außen möglich. So wird das typische Mansarddach
in zeitgemäßer Form und mit zeitgemäßen Materialien 'zitiert' und die Erscheinung des Hauses in seinen erbauungszeitlichen und gewohnten Proportionen erhalten. Aussparungen innerhalb der Lamellenkonstruktion, jeweils ausgerichtet auf die Fensterachsen der unteren Geschosse, ermöglichen in bestimten Teilbereichen der Wohnungen den gänzlich ungehinderten Ausblick durch die umlaufend bodentiefe und leicht von
der Attika zurückgesetzte Glasfassade.

Auf der unteren Ebene der Maisonette-Wohnungen ist jeweils ein großer Wohn- und Kochbereich angeordnet,
von dem aus interne Treppen die Galerien mit großzügigen Dachterrassen erschließen. Das historische
Treppenhaus wurde originalgetreu mit Eichenholztreppen und -stilgeländern um bis zu zwei Geschosse nach
oben verlängert. Auch der erbauungszeitliche Personenaufzug wurde sensibel restauriert, den aktuellen
technischen Anforderungen angepasst und reicht nun um eine leichte Stahl-Glas-Konstruktion ergänzt, den
aktuellen Anforderungen entsprechend bis ins vierte Obergeschoss.

Der gesamte Aufstockung folgt der Prämisse, den höchst möglichen Wohn- und Lebenskomfort zu erzielen
ohne die Wirkung und Qualität des Gebäudes zu beeinträchtigen. Mit dieser städtebaulichen Erweiterung
wurde unter Beweis gestellt, dass die nachhaltige Verdichtung der Stadt unter Einbezug der Würdigung und
der Beständigkeitder der historischen Substanz auf sehr moderne Weise und zukunftsorientiert gelingen
kann.

Konstruktion
Da auf Wunsch des Auftraggebers alle Wohnungen in dem Bestandsgebäude während der gesamten Bauzeit
vermietet und damit dauerhaft bewohnt bleiben sollten und auch aus Gründen des Denkmalschutzes die
vorhandene Bausubstanz nicht signifikant verändert werden durfte, wurde oberhalb der vorhandenen Geschossdecke zum ehem. Trockenboden eine neue in allen Belangen autarke Deckenkonstruktion in Stahlbauweise
errichtet. Die Abtragung der Lasten aus der Aufstockung konnte aufgrund der gering dimensionierten
inneren Trennwände des Gebäudes nur über die vorhandenen Außenwände sowie über die vorhandenen
Wände der Erschließungs- und Treppenhauskerne erfolgen. Die Horizontalkräfte, resultierend aus der Aufstockung werden durch zwei neue in die vorh. Lichtschächte eingezogene Mischkonstruktionen aus Stahlbeton
(bis 3. OG) und Stahl (ab 3. OG) in die 49 Stk. in dem Bestandskeller eingebrachten Mikroverpresspfähle
(Titan Ischebeck) in das Erdreich abgeleitet.

Aufgrund der Spannweiten, der konstruktiven und tragwerkstechnischen Ablösung der Konstruktion von dem
Bestandsgebäude, der geringen städtebaulich zur Verfügung stehenden Gesamthöhe, der Baustellenlogistik
sowie der ausgeklügelten Grundrisse sowie diverser weiterer Rahmenbedingungen erfolgte die gesamte Konstruktion der Aufstockung in Stahlbauweise als Stabtragwerk. Nur mit dem Baustoff Stahl konnte in trockener Montagebauweise die nötige Lenkung und Ableitung der entstehenden Kräfte in einem Stabtragwerk so realisiert werden, dass das Bestandsgebäude in tragwerkstechnischer Hinsicht annähernd unbelastet geblieben ist.

Brandschutz
Die Aufstockung wurde als ein autaker Brandabschnitt ausgebildet mit Brandwänden im Bereich des Gebäudeabschlusses sowie eines unterseitigen Abschlusses in Feuerwiderstandsklasse F90.
Die Decke über dem 3. und 4.Obergeschoss mussten die Feuerwiderstandsklasse F90 aufweisen. Eine massive
Stahlbetonkonstruktion konnte jedoch auf Grund der geforderten Spannweiten und der damit einhergehenden
Eigenlasten nicht ausgeführt werden, so dass ein Stahlstabtragwerk in Leichtbauweise gewählt wurde.
Im Sinne der Nachhaltigkeit sowie im Hinblick auf den sortenreine Einsatz von Materialien erfolgte die
brandschutztechnische Ertüchtigung der Stahlbauteile im wesentlichen durch Verkleidung dieser in Montagebauweise mit Gipsbaustoffen.

Die Flanschunterkanten der unteren Deckenebene erhielten aufgrund der Unzugänglichkeit der Unterseite
im eingebauten Zustand im Vorwege eine werkseitige F90 Brandschutzbeschichtung. Zwischen den Stegen der Stahlträger dieser unteren Ebene wurden 10cm dicke Dachbauplatten aus Porenbeton aufgelegt und mit
den Oberseiten der unteren Flansche mit F90 Klebemasse verklebt.
Als Brandschutz-Verkleidung der Geschossdeckenkonstruktion von oben dienen Trockenestrich-Bauplatten
auf Mineralwolle. Die Verkleidungen wurden über die Fassade bis in den Außenraum geführt, um im Bereich
der Außenwände einen Brandüberschlag in die Deckenkonstruktion zu verhindern.
Die Brandschutz-Verkleidung der Geschossdecken- sowie der Dachkonstruktion von unten erfolgte in den zugänglichen Bereichen in Montagebauweise mit Gipskarton-Baustoffen.

Der Innenausbau inkl. Herstellung der Wohnungstrennwände, der Wände zu notwendigen Fluren sowie der
Brandwände erfolgte in Trockenbaubauweise.
Die Absturzsicherung zu den Straßen Mittelweg und Böttgerstraße wurde durch den vorhandenen Drempel
(nach Abbruch Attika) als umlaufende Umwehrung hergestellt. Im Galeriegeschoss erfolgte die straßenseitige
Sicherung gegen Absturz durch die umlaufende Lammellenkonstruktion, welche das ehem. Mansarddach
interpretiert.

Fertigstellung
2016
Architekt
SNAP Stoeppler Nachtwey Architekten Stadtplaner, Hamburg
Ingenieur
Baseler Thiesemann Beratende Ingenieure, Hamburg
Bauherr
Palmers Immobilien Hamburg, Wien