Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Künstliche Intelligenz und steigender Wettbewerbsdruck: Die Stahlbaubranche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Beim Deutschen Stahlbautag 2026 in Bielefeld wurde deutlich, welche technologischen Entwicklungen die Branche künftig prägen werden und welche Chancen sich daraus für Unternehmen ergeben.
Am 17. und 18. September 2026 kamen in Bielefeld Experten aus Stahlbau, Planung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Im Mittelpunkt standen aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Technik und Forschung ebenso wie strategische Fragen: Wie lässt sich der Stahlbau wettbewerbsfähig und nachhaltig weiterentwickeln? Welche Rolle spielen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik? Und wie können Unternehmen mit dem demografischen Wandel und den veränderten Anforderungen an die Arbeitswelt umgehen?
Zwischen Transformation und Wettbewerbsdruck
Der Deutsche Stahlbautag gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigen Branchentreffs des deu
Jan Birkemeyer, Präsident des Deutschen Stahlbau-Verbandes, betonte insbesondere die Bedeutung des Austauschs innerhalb der Branche sowie die Notwendigkeit zur Transformation: „Was den Deutschen Stahlbautag für mich immer wieder besonders macht, sind die Menschen, die hier zusammenkommen. Viele unserer Unternehmen sind mittelständisch geprägt und stehen vor ganz konkreten Herausforderungen. Sie müssen wettbewerbsfähig bleiben, Fachkräfte gewinnen, neue Technologien sinnvoll einsetzen und gleichzeitig die Transformation bewältigen. Dafür braucht es gute Ideen, verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem den Austausch miteinander. In Bielefeld haben wir erlebt, wie viel Wissen, Erfahrung und Tatkraft in unserer Branche steckt. Diese zwei Tage waren ganz besonders wertvoll und haben mir gezeigt, dass wir im Stahlbau gemeinsam viel bewegen können.“
Arbeitswelt im Wandel: KI und Fachkräftemangel erhöhen den Druck
Den Auftakt des Kongresses bildete die Keynote von Prof. Dr. Bertold Meyer (TU Chemnitz) zur „Arbeitswelt im Doppelwandel“. Im Fokus standen die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und demografischem Wandel auf mittelständische Unternehmen.

Technik trifft Praxis: Von Eurocodes bis Robotik
Wie breit das technologische Spektrum der Branche inzwischen ist, zeigte das Programm des ersten Kongresstages. In parallelen Vortragsreihen standen Normung und Forschung, innovative Stahlbauprojekte sowie wirtschaftliche und rechtliche Fragestellungen auf der Agenda.
Thematisiert wurden unter anderem die Weiterentwicklung der Eurocodes, neue Möglichkeiten zur Stahlidentifikation für Re-Use und Retro-Fit sowie aktuelle Entwicklungen bei Korrosionsschutz und Verschraubungen.
Gleichzeitig rückten neue Technologien und innovative Fertigungsprozesse in den Fokus. Gerade für produzierenden Unternehmen bietet der technische Fortschritt hierbei enormes Potenzial, um Herausforderungen wie dem zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen.
Best Practices und Nachhaltigkeit im Fokus
Wie leistungsfähig moderner Stahlbau bereits heute ist, verdeutlichten zahlreiche Praxisbeispiele. Vorgestellt wurden unter anderem die neue Elbebrücke der A14 bei Wittenberge, die Gottleubatalbrücke und der Fahrbahnplattentausch an der historischen Hängebrücke in Köln-Mülheim.
Auch internationale Projekte boten spannende Einblicke. Dazu gehörten das begehbare Kreuz für die Sagrada Família in Barcelona sowie der Hybridbau und die spätere Umnutzung von Gebäuden des Olympischen Dorfs in Mailand-Cortina 2026.
Nachhaltigkeit blieb dabei ein wesentliches Thema. Diverse Fachbeiträge beschäftigten sich unter anderem mit der Bewertung von Ingenieurbauwerken, der CO₂-Reduktion im Brückenbau sowie mit technischen Voraussetzungen für Re-Use und Retro-Fit. Zugleich richtete sich der Blick auf die Transformation der Stahlindustrie selbst. Am Beispiel der Direktreduktionsanlage in Salzgitter wurde deutlich, welche Rolle der Stahlbau bei der Umsetzung großer industrieller Transformationsprojekte übernimmt.
Höhepunkt am Abend: Preisverleihungen sorgen für strahlende Gesichter
Ein Höhepunkt des ersten Veranstaltungstages war die Awardverleihung am Abend. Der Preis des Deutschen Stahlbaues ging an Reichel Schlaier Architekten für die Sanierung und Erweiterung des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund.
Mit einem Sonderpreis wurde die Erweiterung des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Berlin von Peter Grundmann Architekten ausgezeichnet. Die Ingenieurpreise gingen an Dr. Gollwitzer – Dr. Linse und Partner für den Aussichtsturm Frankenwald sowie an INGE Schüßler-Plan und DKFS für die Brücke „Sprung über die Emscher“.

Die ausgezeichneten Projekte machen deutlich, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten von Stahl sind – von anspruchsvollen Ingenieurbauwerken über Sanierungen und Umnutzungen bis hin zu architektonisch herausragenden Konstruktionen.
Strategietag zu Wirtschaft, Führung und Resilienz
Der zweite Veranstaltungstag erweiterte den Blick von technischen Themen auf die strategischen Herausforderungen der Branche. Unter dem Leitthema „Wirtschaft, Führung und Resilienz“ ging es darum, wie Unternehmen mit wirtschaftlicher Unsicherheit und strukturellen Veränderungen umgehen können.
Zum Auftakt diskutierte Alexandra Busch in ihrem Podcast „Architektourist“ gemeinsam mit Dr. Kati Herzog von Goldbeck, Dr. Martina Bender vom Institut Bauen und Umwelt e. V. (IBU) und Dipl.-Ing. Arno Sorger vom Österreichischen Stahlbau-Verband die Treibhausgasinventur im Bauwesen und die Frage, welche Konsequenzen sich daraus für die Wahl von Baustoffen ergeben. Prof. Dr. Henrik Müller von der TU Dortmund widmete sich anschließend der wirtschaftspolitischen Entwicklung Deutschlands und machte deutlich, dass hier eine Kehrtwende nötig ist.
Weitere Impulse kamen von Fregattenkapitän Tanja Merkl vom Marinekommando der Bundeswehr zum Thema Führung in herausfordernden Zeiten. Damit setzte der Strategietag auf unterschiedliche Perspektiven und Fragestellungen, die viele Unternehmen der Branche derzeit unmittelbar betreffen.
Austausch bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor
Neben den Vorträgen bot die begleitende Fachausstellung an beiden Veranstaltungstagen Gelegenheit, sich über Produkte, Technologien und Dienstleistungen für den modernen Stahlbau zu informieren.
Vor allem aber blieb der Deutsche Stahlbautag das, was ihn seit Jahrzehnten auszeichnet: ein zentraler Ort für den persönlichen Austausch und Netzwerk innerhalb der Branche. Kein anderes Event bringt die unterschiedlichen Akteure der Wertschöpfungskette so zusammen wie der Stahlbautag – von Planern und Ingenieuren über Stahlbauunternehmen und Hersteller bis hin zu Forschung und Verbänden.
Die Zukunft des Stahlbaus ist digital und flexibel
Das zweitägige Traditionsevent hat gezeigt, dass die Zukunft der Branche von vielen Faktoren gleichzeitig geprägt wird. Digitalisierung, KI, Automatisierung, Nachhaltigkeit, Re-Use sowie Fachkräftemangel sind keine voneinander isolierten Themen und müssen ganzheitlich betrachtet werden.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf die vorgestellten Projekte: Stahl bleibt ein Werkstoff mit hoher konstruktiver und gestalterischer Flexibilität. Entscheidend wird sein, diese Eigenschaften mit neuen Technologien, effizienten Prozessen und einer konsequenten Betrachtung des gesamten Lebenszyklus zu verbinden.
Wiedersehen in zwei Jahren
Der 43. Deutsche Stahlbautag findet am 28. und 29. September 2028 in den Holstenhallen in Neumünster statt.




