Nachhaltigkeit im Bauwesen: EPD und LESS

Frage: Herr Dr. Siebers, Umwelt-Produktdeklarationen (EPD) und der Low Emission Steel Standard (LESS) werden häufig in einem Atemzug genannt. Dabei gibt es sehr große Unterschiede. Lassen Sie uns zunächst über die EPD sprechen: Was genau lässt sich aus ihnen ablesen?

Siebers: Die EPD ist Datengrundlage für Ökobilanzen ganzer Gebäude. Im Kern ist sie ein sachliches, neutrales und nach festen Regeln aufgebautes „Datenblatt“ zur Umweltwirkung eines Bauprodukts wie z. B. eines Baustahls. Sie fasst die Ergebnisse auf Basis einer Ökobilanz in einem einheitlichen Schema zusammen und macht sie im nächsten Schritt auf der Gebäudeebene vergleichbar, ohne das einzelne Bauprodukt als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten. Wichtig ist: Eine EPD ist kein Zertifikat und stellt keine Anforderungen an die Qualität eines Bauprodukts dar, sondern allein an Qualität, Vollständigkeit und Format der Daten. Was man daraus ablesen kann, ist z. B. die Klimawirkung in Form von CO₂-Äquivalenten oder Energie- und Ressourcenverbräuche, und zwar bezogen auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes: von der Herstellungsphase über die Einrichtungs-, Nutzungs- und Entsorgungsphase bis hin zu Wiederverwendung und Recycling.

Frage: Aus der EPD kann man demnach exakt erfahren, welchen Einfluss z. B. ein Baustahlprodukt auf die Ökobilanz eines Gebäudes im gesamten Lebenszyklus hat. Der Low Emission Steel Standard (LESS) hingegen konzentriert sich ausschließlich auf eine Phase: die der Produktion des Stahls?

Siebers: Genau. Anders als die EPDs handelt es sich bei LESS nicht um eine neutrale, quantitative Deklaration von Umweltwerten, sondern um einen Klassifikations-Ansatz für Stahl: Dieser ordnet Stahlprodukte auf Basis einheitlicher Regeln in die Klassen A bis E ein – so ähnlich, wie man es vom EU-Energielabel bei Elektrogeräten kennt. Die Einteilung erfolgt abhängig von den Treibhausgasemissionen aus der Produktion, inkl. relevanter Vorketten und dem Schrottanteil. Die Klasse „Near Zero“ kennzeichnet dabei die niedrigsten CO2-Emissionen, danach folgen „A“ bis „E“.  Mit LESS können sehr unterschiedliche Produktionsrouten z. B. die Hochofenroute oder die Elektroofenroute in einem System nachvollziehbar eingeordnet werden. Und sehr praktisch: Bei LESS wird neben der Klassifizierung auch der Schrottanteil pro Tonne warmgewalztem Stahl ausgewiesen, denn die Verwertung von Schrott ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung der Emissionsintensität eines Stahls.

Frage: Und wie passen diese beiden Systeme zusammen?

Siebers: In der Praxis ergänzen sich beide Systeme ziemlich gut: LESS dient als eine leicht verständliche Einordnung, die die Auswahl CO2-reduzierter Stähle und Investitionen in emissionsärmere Produktion erleichtert. Und die EPD liefert schließlich die konkreten, verifizierten Umweltkennzahlen für Gebäude-Ökobilanzen, die z. B. für Nachhaltigkeitslabels wie DGNB, LEED und BREEAM wichtig sind.

 

Erfahren Sie mehr in unserer Arbeitshilfe B.15.1.4 – Nachhaltigkeit LESS und EPDs