Brückenbau unter neuen Belastungen
Günther Dorrer machte deutlich, dass die massiven Schäden an vielen Brücken nicht am Material liegen, sondern an einem veränderten Umfeld. Die Bauwerke der 70er Jahre waren für eine völlig andere Verkehrswelt konstruiert. Moderne Logistik, hohe Achslasten, dichter Schwerverkehr und die globale Containerwirtschaft belasten Brücken heute in einem Ausmaß, das bei ihrer Errichtung niemand vorhersehen konnte. Stahl bleibt dabei ein hochleistungsfähiger Baustoff. Die Schäden entstehen an konstruktiv hoch belasteten Details, nicht am Grundwerkstoff. Die Aufgabe der Ingenieure ist es daher nicht, vermeintliche Materialfehler zu beheben, sondern den Übergang in eine neue Generation moderner, digital geplanter und nachhaltiger Brückensysteme zu gestalten.
Logistik im Stau der Bürokratie
Mike Schrader verdeutlichte die Folgen aus logistischer Sicht. Gesperrte oder abgelastete Brücken sind für Transportunternehmen längst Alltag. Das bedeutet Umwege, Verzögerungen, steigende Kosten und zusätzlichen CO2-Ausstoß. Für viele Unter-nehmen wird die Planbarkeit der Lieferketten zunehmend zur Herausforderung. Material trifft zu spät auf Baustellen ein, Projektabläufe geraten ins Stocken und Genehmigungsprozesse binden wertvolle Kapazitäten. Deutschland verliert dadurch Wettbewerbsfähigkeit. Schrader betonte, dass die Infrastrukturkrise längst nicht mehr nur eine technische oder bauliche Frage ist, sondern ein Standortfaktor für Industrie und Mittelstand.
Moderne Lösungen liegen bereit
Beide Experten machten deutlich, dass der Stahlbau bereits über die technischen Lösungen verfügt, um die Modernisierung voranzutreiben. Serienfähige Stahlbrücken, modulare Systeme, präzise Fertigung, Monitoring, digitale Bauwerksakten und ein wachsender Anteil an CO2 -reduziertem Stahl bieten enorme Potenziale.
Was fehlt, sind klare Rahmenbedingungen:
- schneller planbare Verfahren
- einheitliche Vorgaben
- digitale und vor allem schnellere Genehmigungen
- personelle Kapazitäten in Behörden und Ingenieurbüros
Chance oder Risiko?
Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wird das Sondervermögen zum Beschleuniger oder bleibt es ein großes Versprechen ohne Durchschlagskraft? Dorrer und Schrader sind sich einig: Die Mittel wirken nur, wenn die Verfahren wirken. Investitionen entfalten erst dann ihren Effekt, wenn Planungs- und Genehmigungsprozesse spürbar vereinfacht werden. Hier kann das Infrastruktur-Zukunftsgesetz ein wichtiger Baustein sein, sofern es im parlamentarischen Prozess nicht verwässert wird.
Geschwindigkeit für das System
Der Status quo zeigt: Das Sondervermögen schafft finanzielle Spielräume, aber es löst keine strukturellen Probleme. Dafür braucht es Mut zu klaren Prioritäten, zu einheitlichen Standards und zu echten digitalen Prozessen. Damit das Sondervermögen mehr wird als eine politische Überschrift, müssen Planung, Logistik und Politik jetzt gemeinsam handeln. Die Botschaft von Günther Dorrer und Mike Schrader ist daher eindeutig.


