Transformation zu grünem Stahl: Auswirkungen auf Planung und Baupraxis

Frage: Welche Veränderungen bringt die Transformation zu grünem Stahl in der Stahlproduktion für die Bau- und Stahlbaubranche mit sich?

Lehnert: Die Entwicklung ist überwiegend positiv. Verwendung von Stahl im Bau ist schon heute sehr nachhaltig, vor allem weil er nahezu unbegrenzt recycelbar ist, ohne an Qualität zu verlieren. Das macht ihn für die Bau- und Stahlbaubranche zum idealen Werkstoff.

Die klassische, also primäre Stahlproduktion ist aktuell jedoch noch mit hohen CO₂-Emissionen verbunden. Diese schlagen sich direkt in der Klimabilanz von Bauprojekten nieder und machen einen erheblichen Teil der Emissionen solcher Projekte aus.

Genau hier setzt die Transformation zu emissionsarmem Stahl an, denn durch die neue Produktionsroute wird sich das Bild in den kommenden Jahren deutlich verändern. Schon gegen Ende dieses Jahrzehnts werden wir, dank unseres Projekts Power4Steel, Stahl mit deutlich geringeren Emissionen herstellen, welches sich dann direkt positiv in unserer Klimabilanz und natürlich der unserer Kundinnen und Kunden niederschlägt.

Für die Bau- und Stahlbaubranche bedeutet das konkret: Ein Werkstoff, der nicht nur vollständig kreislauffähig ist, sondern künftig auch in der Herstellung klimafreundlich wird. Das ist ein echter Gamechanger für nachhaltiges Bauen.

Allerdings hängt diese Entwicklung nicht nur von technologischen Fortschritten ab, sondern auch stark von den politischen Rahmenbedingungen. Themen wie der europäische Emissionshandel (ETS) spielen hier eine zentrale Rolle. Wenn CO₂ einen verlässlichen und planbaren Preis hat und gleichzeitig Investitionen in klimafreundliche Technologien unterstützt werden, entsteht überhaupt erst ein tragfähiger Markt für emissionsarmen Stahl.

Frage: Was sollten Planerinnen und Planer sowie Bauherrinnen und Bauherren über grünen Stahl wissen?

Lehnert: Es lohnt sich, am Thema dranzubleiben. Die Entwicklung rund um emissionsarmen Stahl ist sehr dynamisch – bei Verfügbarkeiten, Zeitplänen und CO₂-Werten tut sich viel. Umso wichtiger ist der direkte Austausch mit den Herstellerinnen und Herstellern, die hier zunehmend Transparenz schaffen und ihren Kundinnen und Kunden Orientierung geben.

Zudem verläuft die Transformation nicht schrittweise, sondern in Sprüngen. Sobald ein Werk auf klimafreundlichere Produktionsverfahren umgestellt hat, stehen nach einer vergleichsweise kurzen Hochlaufphase deutlich größere Mengen CO₂-reduzierten Stahls zur Verfügung. Das heißt, die Verfügbarkeit kann sich innerhalb weniger Jahre spürbar verändern – und die Marktsituation wird 2030 eine ganz andere sein als heute.

Für Planerinnen und Planer sowie Bauherrinnen und Bauherren bedeutet das vor allem: frühzeitig informieren, flexibel bleiben und CO₂-Kriterien stärker in die Materialauswahl integrieren. Emissionsarmer Stahl wird zunehmend zu einem relevanten Faktor bei Ausschreibungen und Nachhaltigkeitsbewertungen von Bauprojekten.

Hilfreich für die Einordnung sind verlässliche Standards wie das LESS-Label (Low Emission Steel Standard). Es schafft Transparenz über die tatsächlichen CO₂-Emissionen von Stahlprodukten und ermöglicht eine bessere Vergleichbarkeit – ohne unnötige Bürokratie. So können fundierte Entscheidungen getroffen werden, auch ohne tief in die technischen Details einsteigen zu müssen.

Frage: Was braucht es jetzt, damit klimafreundlicher Stahl schneller im Bau ankommt?

Lehnert: Zwei Dinge sind entscheidend: Wissen und Anreize. Zum einen braucht es mehr Transparenz und Verständnis entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Planung bis zur Ausschreibung. Zum anderen steht die Bauwirtschaft aktuell unter enormem Kostendruck. Das macht es schwierig, die anfänglichen Mehrkosten für klimafreundlichen Stahl einfach innerhalb der Lieferkette aufzufangen.

Gerade deshalb kommt der öffentlichen Beschaffung eine Schlüsselrolle zu. Öffentliche Auftraggeberinnen und Auftraggeber müssen mit gutem Beispiel vorangehen und verbindliche Nachhaltigkeitskriterien in ihre Ausschreibungen integrieren. So entsteht gezielt Nachfrage, der Markthochlauf wird unterstützt und die notwendige Skalierung angestoßen – eine Voraussetzung dafür, dass auch die private Bauwirtschaft nachzieht.

Politisch wird genau darüber aktuell intensiv diskutiert, Stichwort Leitmärkte für klimafreundliche Materialien. Das Vergabebeschleunigungsgesetz war hier ein erster toller Schritt. In der jetzigen Form bleibt der notwendige Aufbau von Leitmärkten für emissionsarmen Stahl allerdings noch weit hinter den Möglichkeiten zurück.

Und der Maßstab ist klar: In den 2030er-Jahren muss emissionsarmer Stahl der neue Standard im Bau sein. Daran wird sich der Erfolg der Transformation messen lassen.