Text von Arge Mayr Ludescher Partner
Integrale Eleganz – die neue Regenbrücke
Die neue Brücke bietet eine zusätzliche Querungsmöglichkeit über den Regen und die Anbindung des Ortsteils Mitterdorf im Westen an das historische Stadtzentrum von Roding.
Die Tragwerksform entwickelt sich konsequent aus dem Wegverlauf, der in Verlängerung der Straße „Am Graben“ in Mitterdorf über den Regen führt und auf der Ostseite mit einem dezenten Knick nach Roding abknickt und einen fließenden Übergang zwischen den beiden Anschlusswegen schafft.
Grundgedanke des Entwurfs ist es, ein attraktives Bauwerk mit dem Charakter einer urbanen Anbindung respektvoll und sensibel in den hochwertigen Naturraum des Regens und seiner Ufer zu integrieren. Durch eine zentrale Aussichtsplattform auf dem Steg, die sich wie selbstverständlich aus der Formgebung ergibt, wird das neue Bauwerk zum Aufenthaltsraum.
Eine hölzerne Sitzbank an der aus dem Kraftfluss resultierenden Voute auf der Innenseite der Knickstelle lädt mit freundlicher Materialität zum Verweilen ein. Mit minimalen Mitteln wird der Steg hier zum Ort und bietet dem Nutzer einen Aussichtspunkt auf die Stadt, den Regen, seine Auen und die gesamte Landschaftskulisse.
Sowohl aus gestalterischen Gründen als auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit wurde als Material wetterfester Stahl gewählt, der infolge Bewitterung eine Oxidschicht bildet, die diesen ohne weitere Korrosionsschutzbehandlung witterungsresistent erhält. Der hohe Aufwand für Wartung und Erneuerung des Korrosionsschutzes im hochsensiblen Naturraum des Regens wird dadurch vermieden.
Die prägnante sowie einfache Silhouette bei Tag zeichnet sich auch im Dunkeln durch eine schlichte und zurückhaltende, linienförmige Beleuchtung im Handlauf der Geländer durch LEDs ab. Diese erzeugen einen indirekten, blendfreien, subtilen Lichtteppich auf dem Gehweg mit geringstmöglicher Abstrahlung nach oben und dadurch weitgehender Vermeidung von Beeinträchtigungen und Konsequenzen für Insekten und andere Tiere.
Das Tragwerk
Das Bauwerk überspannt den Regen in Form einer mehrfeldrigen Rahmenbrücke als integrales System mit einer Hauptstützweite von ca. 56 m über den Regen und ca. 21 bis 27 m im Bereich der Rampe auf der Ostseite. Der Überbau besteht aus einem luftdicht verschweißten gevouteten Stahlhohlkasten, der monolithisch mit den Unterbauten verbunden ist. Um die gestalterisch gewünschte minimale Überbauhöhe von 55 cm im Feld der Hauptstützweite zu erzielen und auf eine Schlankheit von l/100 zu reduzieren, wird der Überbau am Widerlager Mitterdorf und am Pfeiler über Stahllamellen biegesteif angeschlossen. Das Brückentragwerk ist über Bohrpfähle elastisch im tragfähigen Kies und Tertiär gegründet. Die Widerlager, Pfeiler und Gründungsbauteile sind konventionell in Ortbeton hergestellt. Als Fahrbahnbelag dient ein 6 mm reaktionsharzgebundener Dünnbelag.
Auf der Westseite in Mitterdorf war ursprünglich die Ausführung eines Hochwasserschutzes entlang des Regens geplant, den das neue Brückenbauwerk überqueren sollte. Aufgrund der ufernahen Bebauung und der engen Platzverhältnisse kam als Hochwasserschutz nur die Ausführung durch Mauern in Frage. Im Zuge der Planung wurde jedoch vom Wasserwirtschaftsamt entschieden, dass der Hochwasserschutz u.a. aus Kostengründen nicht ausgeführt werden soll.
Somit ergab sich für die weiterführende Rampe eine neue Planungssituation. Nach Untersuchung und Vergleich der Alternativen für die Ausführung wurde insbesondere aus Gründen der Nachhaltigkeit und aus wirtschaftlicher Sicht eine Ausführung in sogenannter „bewehrter Erde“-Bauweise gewählt.
Die ca. 3,50 m hohe Rampe auf der Westseite in Mitterdorf in Verlängerung der Brücke ist aus geokunststoffbewehrter Erde hergestellt. Durch lagenweise angeordnete Geotextilien wird der Erdkörper versteift und entsprechend tragfähig. Der Aufbau der Rampe entstand innerhalb weniger Tage, sie kann vollständig recycelt und das Erdmaterial wiederverwendet werden.
Die minimale und elegante Silhouette des Bauwerks führt zu einer materialsparenden, hoch wirtschaftlichen Lösung, die zudem wartungsarm ist. Barrierefreie Nutzung für alle ist gegeben, ebenso ein minimaler Einfluss auf den Schutzraum Regen und seine Schutzgüter. Ingenieurbautechnische Eleganz und logische Form tragen zur Aufenthaltsqualität des Bauwerks bei, welche das Landschaftsbild des Regens und seiner Auen nicht nur ergänzt, sondern aufwertet und bereichert. Die Symbiose von Form, Gestalt und Tragwerk lassen das Bauwerk nahezu selbstverständlich mit der Landschaft verschmelzen.
Dynamisches Verhaften
Auf Basis dynamischer Berechnungen wurden die rechnerischen Beschleunigungen für die möglichen Verkehrsklassen bei Alltags- sowie schwachem und sehr dichtem Verkehr ermittelt und mit den Grenzwerten der jeweiligen Komfortklasse abgeglichen. In keiner Bemessungssituation kam es rechnerisch zu einem horizontalen Aufschaukeln der Brücke durch den Lock-in-Effekt. Die horizontalen Schwingungen befinden sich auch ohne Dämpfer in einem unkritischen Bereich. Für die vertikalen Schwingungen war jedoch für jede Einwirkungsklasse ein Masse-Dämpfer erforderlich, welcher die kritischen Eigenfrequenzen und Beschleunigungen in den Komfortbereich verschiebt.
Bauausführung
Die antransportierten sechs Teilschüsse wurden auf die Unterbauten sowie auf Montagejoche abgesetzt und zusammengefügt. Zum Einhub des Überbaus diente ein Autokran. Nach den Rampenschüssen und dem Pfeilersegment wurde der Widerlagerschuss und anschließend das Mittelfeld über dem Regen eingehängt und verschweißt. Direkt im Anschluss folgten die Ausbauarbeiten. Nach Fertigstellung der Weganschlüsse und Begrünung der Uferböschungen wurde die Brücke im August 2023 für den Verkehr freigegeben.
Hydraulische Auslegung
Der hydraulische Einfluss des Brückenbauwerks auf den Regen wurde größtmöglich minimiert. Die Hauptspannweite über den Regen liegt inklusive Überbau über der HQ100+15 mit Freibord. Die Rampe parallel zum Ufer schneidet allmählich in die HQ Höhen ein. Die minimierte Stützenstellung und strömungsgerechte Form des Brückenüberbaus erlaubt dabei ein störungsfreies Abfließen des Wassers im Hochwasserfall ohne versperrende Wirkungen. Dammschüttungen wurden hier am Antritt auf ein Minimum reduziert.
Laudatio der Jury
folgt






