Text von INGE DKFS / Schüßler-Plan
„Sprung über die Emscher“ – Fuß- und Radwegbrücke am Wasserkreuz Castrop-Rauxel
Mit dem „Sprung über die Emscher“ ist am Wasserkreuz von Emscher und Rhein-Herne-Kanal bei Castrop-Rauxel ein außergewöhnliches Ingenieurbauwerk entstanden, das weit über seine Funktion als Fuß- und Radwegbrücke hinausgeht. Die 411,5 m lange Stahlbrücke bildet den gestalterischen und räumlichen Höhepunkt des Generationenprojekts Emscherumbau und steht sinnbildlich für den Strukturwandel des Ruhrgebiets – vom industriell geprägten Abwasserlauf hin zu einem ökologischen, kulturellen und erlebbaren Landschaftsraum.
Die Brücke verbindet urbane Stadträume mit dem landschaftlich geprägten Emschertal und verknüpft zentrale regionale Wege wie den Emscher-Radweg. In eleganter, geschwungener Linienführung überspannt sie sowohl die Emscher als auch den Rhein-Herne-Kanal und schafft einen eigenständigen Erlebnisraum mit Aufenthaltsqualität, Aussichtspunkten und einer identitätsstiftenden Landmarke.
Eine wesentliche Herausforderung für Entwurf und Gradientenführung stellte die stark beengte Baustellensituation dar. Die geforderte maximale Längsneigung von 6 % beim Kreuzen der Schifffahrtsstraße Rhein-Herne-Kanal machte eine Brückenlänge von mindestens rund 400 m erforderlich. Einschränkungen durch das bestehende Ingenieurbauwerk der Kanalbrücke über die Emscher sowie durch Hindernisse wie Ankerlagen und vorzuhaltende Kranstellorte im Hochwasserfall führten zur Entwicklung eines parametrischen Modells. Auf dieser Grundlage wurde eine radiale Gradientenführung entworfen, die alle gewünschten Zugänge der angrenzenden Parks und Uferbereiche miteinander verbindet. Gleichzeitig nimmt die Geometrie den formalen Fluss der Landschaft auf, macht den Raum dreidimensional erlebbar und setzt ein prägnantes Zeichen im Stadtraum. Drei unterschiedliche Radien formen die Trasse zu einer dynamischen, fließenden und unverwechselbaren Geometrie.
Die dreidimensionale Form des Bauwerks leitet sich konsequent aus den Anforderungen des Tragwerks ab. Ein im Querschnitt asymmetrischer Torsionskasten reagiert auf die Grundrisskrümmung mit variierenden Krempelmomenten und Biegungen. Über und unter dem Deck entstehen Vouten, die sich im Bereich der Hauptspannweiten zu einem Zügelgurtsystem auflösen. Die Tragwirkung bleibt ablesbar; Form und Konstruktion folgen einer ingenieurtechnisch logischen Choreografie. Der sichtbare Kraftverlauf prägt die elegante Silhouette und kulminiert im skulpturalen Höhepunkt des geneigten Pylons, der bis zu 15 m über dem Brückendeck aufragt.
Das Tragwerk ist als semi-integrale, mehrfach gekrümmte Ganzstahlkonstruktion mit einem asymmetrischen, torsionssteifen Hohlkasten ausgebildet. Bauhöhen, Querschnittsformen und Vouten variieren entsprechend dem Kräfteverlauf. Die großen Spannweiten von 108 m und 89 m werden durch eine filigrane Zügelgurtkonstruktion getragen, die im markanten Pylon zusammenläuft. Statik und Gestaltung verschmelzen dabei zu einer skulpturalen Einheit.
Die Planung erfolgte vollständig parametrisch in einem durchgängigen BIM-Modell. Dadurch konnten Geometrie, Tragverhalten, Materialeinsatz und Bauablauf kontinuierlich optimiert werden. Die dynamischen Eigenschaften der leichten Konstruktion wurden umfassend untersucht; unsichtbar integrierte Schwingungsdämpfer im Überbau und an den Zügelgurten gewährleisten einen hohen Nutzungskomfort für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Einbindung in Landschaft und Stadtraum. Treppenanlagen mit integrierten Sitzstufen, Brückenvorplätze und gezielt inszenierte Blickbeziehungen schaffen Aufenthaltsqualität und machen das Wasserkreuz zu einem neuen öffentlichen Ort. Eine differenzierte Farb- und Lichtgestaltung unterstreicht die skulpturale Form des Bauwerks und ermöglicht zugleich eine zurückhaltende Integration in die Umgebung.
Der „Sprung über die Emscher“ steht beispielhaft für einen zeitgemäßen Brückenbau, der technische Innovation, gestalterischen Anspruch und gesellschaftliche Bedeutung vereint. Als Landmarke, Infrastruktur und Aufenthaltsort macht die Brücke den Wandel des Emschertals sichtbar und erlebbar und zeigt das Potenzial im Zusammenspiel von Ingenieurbaukunst, Architektur und Landschaft.
Laudatio der Jury
Die 412 m lange Brücke „Sprung über die Emscher" verbindet in einer spektakulären doppelten S-Kurve zwei wichtige Rad- und Wanderwege zwischen Castrop-Rauxel und Recklinghausen. Dabei überquert sie drei Gewässer – zweimal die Emscher sowie den Rhein-Herne-Kanal in luftiger Höhe. Aus dieser komplexen Ausgangslage entwickelte das Entwurfsteam ein Tragwerk, dass die Krümmung geschickt für sich nutzt. Ein dynamischer Blickfang ist der, entgegen der Krümmung geneigte Pylon mit zwei verdrillten Zügelgurten aus Flachstahl, die das Flussfeld mit 108 m und das benachbarte Innenfeld mit 89 m halten. Die Stahlpfeiler der semiintegralen Brücke sind monolithisch am Überbau angeschlossen, die abhebenden Lasten an den Widerlagern werden – konstruktiv sehr gut gelöst – mit Pendelstäben aus Edelstahl zwängungsarm aufgenommen. Die notwendigen kräftigen Einspannungen am Pylon und dem gegenüberliegenden Flusspfeiler werden architektonisch überzeugend mit Treppenpodesten kombiniert, auf denen man herrlich verweilen kann. Der Überbau als Stahlhohlkasten ist elegant gevoutet, dadurch hat die Brücke eine beeindruckende Leichtigkeit. Hervorzuheben ist die hohe Qualität der Ausführung des Stahlbaus mit dieser komplexen räumlichen Geometrie und sehr anspruchsvollen Montage mit Schwimmkran und sorgfältig vorverdrillten Zügelgurten! Ebenfalls bis ins kleinste Detail liebevoll geplant und sehr gut umgesetzt sind die Geländer mit Edelstahlseilnetz und das Beleuchtungskonzept.
Die Bauherrin hat sich im Rahmen der Entwicklung des Emscher Landschaftsparks seit Jahrzehnten dafür eingesetzt, dass entlang des Rhein-Herne-Kanals mutige Brückenentwürfe realisiert werden konnten, die mittlerweile zahlreiche Radwanderer erfreuen. Diese Brückenfamilie hat nun mit dem „Sprung über die Emscher" ein weiteres, sehr gelungenes Mitglied bekommen, dass einen Besuch, am besten mit dem Rad lohnt!





