Text von Reichel Schlaier Architekten
Sanierung und Erweiterung im historischen Kontext
Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund ist eine Institution mit Strahlkraft – identitätsstiftend für die Stadt, über Jahrzehnte gewachsen und fest verankert im Kollektiven Gedächtnis. Es zählt zu den meistbesuchten Museumsinstitutionen Deutschlands und genießt auch international einen hervorragenden Ruf und hohes Ansehen als meereskundliche Einrichtung. Unter der Dachmarke Deutsches Meeresmuseum vereint es vier Standorte: das Stammhaus im historischen Katharinenkloster, das Natureum im Leuchtturm am Darßer Ort, das Nautineum als Freilichtmuseum sowie das Ozeaneum auf der Hafeninsel, das 2010 zum European Museum of the Year gekürt wurde.
2017 wurde ein internationaler Architekturwettbewerb ausgelobt, aus dem Reichel Schlaier Architekten aus Stuttgart als Sieger hervorgingen. Ziel war es, das Stammhaus Meeresmuseum im Katharinenkloster baulich und funktional zu einem zeitgemäßen Museumsbau weiterzuentwickeln.
Dabei galt es, Gebäudeteile und historische Schichten aus verschiedenen Jahrhunderten und Generationen zu integrieren. Der sensible Umgang mit der Bausubstanz war essenziell, da das Ensemble zu den bedeutendsten städtebaulichen Strukturen der Hansestadt zählt und als Teil des UNESCO-Welterbes einen hohen denkmalpflegerischen Wert besitzt. Das Preisgericht würdigte ausdrücklich das Konzept, das die wesentlichen Attraktionen des über Jahrzehnte gewachsenen Meeresmuseums erhält, herausarbeitet und neu belebt.
Eine größte architektonische Herausforderung bestand darin, von der ersten Entwurfsphase bis hin zu Materialwahl und Detailgestaltung eine harmonische Verbindung zwischen der historischen Klosteranlage, den späteren Ergänzungsbauten und den neu hinzugefügten Elementen zu schaffen – eine Architektur, die das Alte respektvoll würdigt und das Neue stimmig ergänzt.
Freilegung des Bestandes
Die gotische Anlage eines ehemaligen Dominikanerklosters aus dem frühen 14. Jahrhundert wurde im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte durch verschiedene Nutzungen fortlaufend verändert und ergänzt. Nach der Reformation dienste sie unter anderem als Schule, Arsenal und Waisenhaus, bevor im 20. Jahrhundert das Meeresmuseum und das Stralsund Museum einzogen. Weitere bauliche Ergänzungen aus verschiedenen Epochen sowie die funktonale Teilung der Anlage in zwei unterschiedliche Museen erschwerten es, das in seiner Substanz weitgehend erhaltene Kloster als zusammenhängendes Ganzes erfahrbar zu machen. Eine einfache Lösung zur baulichen Klärung der Situation wäre der Rückbau aller hinzugefügter Substanz gewesen, um die historische Anlage wieder freizulegen. Nur waren für die Nutzung als Meeresmuseum weiterhin Ergänzungen erforderlich. Auch waren einige Eingriffe aus späterer Zeit – wie das besondere Stabtragwerk aus DDR-Zeiten im Kirchenschiff – selbst von zeitgeschichtlichem und kulturellem Wert und damit als Denkmal zu erhalten. Daher fiel die Entscheidung auf eine differenzierte Vorgehensweise: Ziel war es, die neuen Nutzungen in respektvollem Einklang mit der wertvollen historischen Substanz zu integrieren und zugleich den ursprünglichen Kern der Klosteranlage wieder sichtbar zu machen. Zu diesem Zweck wurden sämtliche baulichen Ergänzungen hinsichtlich ihres kulturellen historischen Wertes geprüft. Substanz von geringer Bedeutung wurde entfernt oder entkernt, wodurch sich etwa die historische Fassadenfront zur Stadtmauer hin wieder freilegen ließ. Die Struktur der Klosteranlage mit ihren ursprünglichen Raumbeziehungen wurde wieder sichtbar. So wurde beispielswiese durch den Rückbau einer Trennwand zum Stralsund Museum der „Lange Gang“ wieder freigelegt, der einst die historischen Kreuzgänge mit der Stadtmauer verband. Auch der historische Westhof wurde räumlich geöffnet und erlebbar gemacht. Die Öffnung des Chorbodens legte die Fundamente einer Vorgängerkirche frei; unter dem neuen Forum wurden mittelalterliche Keller entdeckt.
Architektur zwischen den Zeiten
Nach dem sensiblen Rückbau einzelner weniger Elemente galt es nunmehr, die gotische Klosteranlage mit den Ergänzungsbauten aus dem 19. Jahrhundert sowie den 50er, 70er und 90er-Jahren architektonisch zu überarbeiten. Dabei sollte so viel wie möglich Bausubstanz erhalten und nur dort eingegriffen werden, wo es aus funktionalen Gründen unbedingt erforderlich war.
Die Aufgabe war damit nicht eine Rückführung zur historischen Figur mit behutsamen kleinen Ergänzungen. Vielmehr war eine Antwort auf die Frage zu formulieren, wie Alt und Neu zusammenfinden können und vor allem, wie jede Zeitschicht sichtbar bleiben und sich dennoch in das Ganze einfügen kann. Aufgrund der Integrität, des hohen Alters und des besonderen Wertes der gotischen Architektur war für uns en Weiterbauen im gleichen Duktus nicht denkbar, zumal die modernen baulichen Eingriffe der letzten 50 Jahre bereits eigenen Denkmalwert besitzen. Die klare Ablesbarkeit von Alt und Neu im Sinne der Charta von Venedig bot sich daher als einzig tragfähiger Ansatz. Jede Epoche bleibt erkennbar und fügt sich zugleich in ein Kontinuum architektonischer Geschichte, das die Identität der gesamten Anlage prägt.
Alle Ergänzungsbauten und neueren Bestandserweiterungen erhielten eine einheitliche äußere Erscheinung. Dies spiegelt sich durch ihr Material und dessen Struktur für die Wahrnehmung aus der Nähe und durch die einfachere, abstraktere Volumetrie in der Fernwirkung wider. Durch seine Lage an der Stadtmauer ist das Ensemble auch von Weitem gut sichtbar. Eine Hülle aus Kupferblech – ein in Stralsund vertrautes Material, das an die Dächer der historischen Backsteinkirchen erinnert – verleiht den neuen Bauteilen ein prägnantes, aber zurückhaltendes Erscheinungsbild.
Die handwerklich hergestellte Leistendeckung, eine besondere Art der Verlegung der Kupferbleche, betont die Gliederung in der Fläche und nimmt Bezug auf die Rhythmisierung der benachbarten gotischen Architektur. Verglaste Elemente verbinden die geschlossenen Volumina der Erweiterungsbauten mit dem historischen Bestand. Sie führen den Rhythmus der Kupferfassaden weiter und geben zugleich gezielte Blicke auf die gotische Architektur frei – etwa an der gläsernen Fuge zwischen dem neuen Dach des Westhofs und der Katharinenhalle, die den Blick auf die Giebelseite des Kirchenschiffes in ganzer Höhe ermöglicht.
Neue Wege durch das Museum
Die schrittweise Erweiterung des Meeresmuseums über Jahrzehnte trug nicht nur zur beschriebenen Heterogenität der Anlage bei. Sie führt auch zu einer Route, die die Besucher auf verschlungenen Wegen über verschiedene Ebenen durch die Anlage führte. Die Aufgabe, Übersicht und Orientierung zu schaffen, war deshalb nicht einfach zu lösen. Schon in der Wettbewerbsauslobung wurden aus diesem Grund neue bauliche Elemente und die Umnutzung weiterer Gebäudeteile angeregt. Auch der etwas unvermittelte seitliche Eingang in das Kirchenschiff als Hauptzugang in das Museum war zu überdenken.
Als neuer Auftakt und Haupteingang in das Museum dient nun das ehemalige Forum am Nordhof, das ursprünglich als Sporthalle im 19. Jahrhundert gebaut und zuletzt als Konferenz- und temporärer Ausstellungsraum genutzt wurde. Hier befinden sich nun die Kassen und die zentrale Information. Von hier aus gelangt man in den historischen Westhof des Klosters, der mit seiner leichten Gebäudehülle zu einem zentralen Treffpunkt mit Sitzgelegenheiten und Museumsshop wird. Durch die Verlegung des Eingangs und die Wegeführung über den Westhof kann die Ausstellung in der Katharinenhalle nun über das historische Portal des Kirchenschiffs betreten werden. Großzügige Deckenöffnungen und eine überarbeitete Wegeführung erleichtern die Orientierung in der Katharinenhalle, der sakrale Raum aus der Gründungszeit des Klosters ist jetzt in seiner Gesamtheit erfahrbar.
Selbstverständlich wurde das besondere Stabtragwerk aus DDR-Zeiten im Kirchenschiff – selbst von zeitgeschichtlichem und kulturellem Wert und unter Denkmalschutz stehend – erhalten und behutsam angepasst. Ein neuer, mehrgeschossiger Baukörper mit Großaquarium verbindet die Ausstellungsebenen vertikal mit weiteren Aquarien im Untergeschoss. Der Rundgang endet bei den Meeresschildkröten und führt über den „Langen Gang“ zurück zum Ausgangspunkt in den Westhof.
Die Barrierefreiheit für alle Gäste und Besucher:innen war bei der Planung der neuen Wegeführung eine besondere Herausforderung. Die historischen Gebäudeteile und deren Erweiterungsbauten haben in den verschiedenen Ebenen unterschiedliche Höhenniveaus. Durch geneigte Böden in Westhof und dem sogenannten Haselbergbau gelang es, die Anzahl der Aufzüge deutlich zu reduzieren. Der Weg durch den „Langen Gang“ führt über einen Steg oberhalb des deutlich niedrigeren ursprünglichen Bodenniveaus. Die leichte Stahlkonstruktion ist von den Wänden des Ganges abgelöst; die historische Raumproportion bleibt erhalten.
Neue Ausstellung – Bewährtes und Modernes
Die neue Ausstellung wurde vom Münchner Büro „Die Werft“ in Zusammenarbeit mit den Ausstellungsmachenden des Deutschen Meeresmuseums konzipiert und realisiert.
Viel Wert wurde darauf gelegt, dass beliebte Exponate auch nach dem Umbau wieder in der Ausstellung zu sehen sind und durch hochwertige neue Objekte ergänzt werden. Auf drei Ausstellungsebenen der Katharinenhall und im angrenzenden Haselbergbau präsentieren vier Themenbereiche die Evolution des Lebens aus dem Meer, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Meer, die Vielfalt mariner Lebensräume sowie Strategien für eine nachhaltige Fischerei.
Konzept nachhaltiges Bauen im Denkmal
Der respektvolle Umgang mit dem Bestand dienste nicht nur dem Schutz der historischen Bausubstanz, sondern war integraler Bestandteil eines umfassenden Nachhaltigkeitskonzepts. Ziel war es, das bestehende Gebäude mit möglichst geringem Einsatz grauer Energie zu erneuern. So wurden außer der für die Wegführung und die Reattraktivierung zwingend erforderlichen Erweiterung des Großaquariums nur wenig neue Bausubstanz hinzugefügt. Alle nicht mit Wasser oder Erdreich verbundenen neuen Gebäudehüllen wurden als Holzkonstruktion ausgeführt. Rückgebaute Materialeien wurden nach Möglichkeit wiederverwendet: Der Bodenbelag im Westhof besteht aus historischen Granitsteinen, die das Museum über Jahre aufbewahrt hatte. Mauerwerksarbeiten wurden mit vorhandenen Ziegeln ausgeführt. Alte Brandschutzverglasungen wurden ausgebaut, gesichert und an anderer Stelle wieder eingesetzt.
Die vorhandenen Garderobenschränke wurden überarbeitet und im neuen Garderobenbereich wiederverwendet. In allen Bereichen der Planung wurde sorgfältig abgewogen, ob nicht das Bestehende erhalten bleiben oder an anderer Stelle wieder eingesetzt werden kann. So wurden sämtliche bestehenden Fenster erhalten, die Geländer wurden nur an jenen Stellen erneuert, an denen es baurechtlich notwendig war. Ausgebautes Holz wurde aufgearbeitet und z.B. als Treppenstufen oder Sitzbänke wiederverwendet. Der Plattenbelag der Katharinenhalle wurde gänzlich erhalten. Der Nordhof mit den alten Pflasterungen, Bäumen sowie dem Museumsschiff etc. bleib im Wesentlichen erhalten. Die vorhandene Stufenanlage vor dem Forum wurde verbreitert, um den barrierefreien Zugang zum neuen Haupteingang zu ermöglichen. Durch das Beibehalten der bestehenden Geländeroberkanten bleibt der ehemalige markante Eingang in der Katharinenhalle mit seinen Torbogen in voller Größe wahrnehmbar.
Energiekonzept
Auch die technische Ausstattung folgte der Maxime, bestehende Substanz weiterzuverwenden und Technik auf das Nötige zu reduzieren. Funktionierende Komponenten aus dem Altbestand wurden beibehalten. In großen Teilen konnte auf aktive Lüftung verzichtet werden, vorhandene Heizkörper und Leitungen bleiben erhalten. Gleichzeitig wurde die Energieeffizienz deutlich gesteigert: Heizungszentralen wurden durch einen Kontraktor erneuert, hocheffiziente Luft-Wasser-Wärmepumpen mit Wärmerückgewinnung und Rotationswärmetauscher ermöglichen bis zu 80% Energierückgewinnung. Neue Gebäudeteile erhielten Fußbodenheizungen und Lüftungssysteme.
Besonders energieintensiv ist der Betrieb der Aquarien. Hier wurden modernste Gleichstrom- und Drehstrompumpen eingesetzt, die den Energiebedarf nahezu halbieren. Auch hier konnten bestehende Reservoire, Abschäumer und Leitungen wiederverwendet werden. Um den Gesamtenergiebedarf weiter zu drosseln, wurde nicht nur die Objekt- und Ausstellungsbeleuchtung, sondern auch die gesamte Aquarienbeleuchtung auf LED-Technik umgestellt.
Archäologie
Die Baumaßnahme wurde archäologisch begleitet und brachte zahlreiche Funde hervor. Im Chor der Katharinenkirche kamen die Fundamente einer Kapelle zum Vorschein, die vor 1282 errichtet worden war – die bislang älteste bekannte Kirche der Hansestadt. Unterhalb des Forums wurden mittelalterliche Keller freigelegt und in den Neubau integriert.
Zudem entdeckten Archäologen rund hundert Skelette von Menschen, die vor etwa 250 Jahren bei einer Pulverexplosion ums Leben gekommen waren. Diese und andere Funde werden den Museumsbesuchern im neuen Ensemble an mehreren Orten sichtbar gemacht und erläutert.
Laudatio der Jury
Die bei der Sanierung und Erweiterung des deutschen Meeresmuseums durch REICHEL SCHLAIER ARCHITEKTEN angestrebte Verbindung einer neuen, zeitgemäßen Nutzung mit der wertvollen historischen Substanz ist in überzeugender Weise gelungen. Entstanden ist ein Gebäudekomplex, der die Verwendung des Werkstoffs Stahl in unterschiedlichen Maßstäben und Funktionen aufgreift und konzeptionell in allen Bereichen klar und strukturiert durchdekliniert.
Im bewussten Kontrast zur historischen Bausubstanz und zugleich im sensiblen Umgang mit dem Bestand wird der Stahlbau facettenreich, überraschend und integrativ eingesetzt – von Stahlbetonverbunddecken über Abschnitte in Stahlskelettbauweise bis hin zu Fachwerkträgern im Brückenbereich. Stahl fungiert sowohl als präzise Ergänzung bestehender Konstruktionen als auch als eigenständiges Tragwerk. Dabei besticht die gesamte Planung insbesondere durch ihren Fokus auf hochrelevante Themen wie Re-Use und Ertüchtigung, Demontierbarkeit, effizienten Materialeinsatz sowie flexible Nutzungsmöglichkeiten.
Der sanierte und erweiterte Gebäudekomplex schafft trotz raumprogrammatisch komplexer Eingriffe und dem bewussten architektonischen Absetzen des Neuen vom Vorhandenen eine gleichermaßen klare wie einladende Atmosphäre. Der Fokus der Museumsbesuchenden richtet sich somit unaufgeregt und doch zielgerichtet auf die Exponate und das museale Erlebnis.
Das Ziel, das Meeresmuseum im Katharinenkloster baulich und funktional zu einem zeitgemäßen Museumsbau weiterzuentwickeln, ist vor allem dank der präzisen, zukunftsfähigen und durchdachten Anwendung des Stahlbaus in jeder Hinsicht überzeugend erreicht worden.







