Text von Peter Grundmann Architektur

ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik

Das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) wurde 2012 durch die Umnutzung eines ehemaligen Güterbahnhofs in Berlin-Moabit gegründet. Das Gebäude liegt eingebettet zwischen dem Westhafen, einem stark frequentierten Park sowie angrenzender Nachbarschaft und Gewerbenutzungen. Neben einer Künstlerresidenz umfasst das Programm ein vielfältiges Angebot für die Umgebung, darunter Gütermarkt, Kino, Konzerte und Workshops. Mit der Zeit erwies sich der vorhandene Raum angesichts der wachsenden Nachfrage als unzureichend, zudem war der energetische Zustand des Bestandsgebäudes dringend sanierungsbedürftig.

Im Jahr 2016 fiel die Entscheidung, das ZK/U zu erweitern. Da das Gebäude vollständig von Grünflächen umgeben ist, musste die Erweiterung ohne zusätzlichen Flächenverbrauch erfolgen. Die Lösung bestand darin, dem bestehenden, ungedämmten Lagerhaus ein weiteres Geschoss hinzuzufügen. Das alte Holzdach wurde zurückgebaut, der Keller erweitert und saniert. Auf den Bestand wurde ein weit spannendes FachwerkStahlskelett aufgesetzt, auf dem vorgespannte Hohlkammer-Fertigdecken das Ober- und Dachgeschoss tragen.

Das Low-Tech-Energiekonzept basiert auf dem Haus-im-Haus-Prinzip: Die historischen Mauern im Erdgeschoss werden von einer Hülle aus Dreifachverglasung umschlossen. Auf der Südseite temperiert eine Galerie die Halle, während auf der Nordseite ein weiterer großzügiger Raum entstand. Im Obergeschoss übernehmen die Laubengänge nicht nur die Funktion der zweiten Erschließung und ermöglichen die Trennung der Nutzungseinheiten, sondern dienen zugleich als natürlicher Sonnenschutz. Bewusst wurde darauf verzichtet, das historische Mauerwerk mit einer zusätzlichen Wärmedämmung zu überdecken. Ein entsprechender wärmeschutztechnischer Nachweis bestätigt die Funktionsfähigkeit dieses Low-Tech-Ansatzes.

Die erforderlichen Treppenanlagen befinden sich im Außenraum. Dies ermöglichte nicht nur eine Kostenreduktion, sondern schuf zugleich informelle Treffpunkte und Aussichtsräume. Das Dachgeschoss wird als urbane Bühne genutzt: ein öffentlicher Veranstaltungsraum mit Panoramablick über die Umgebung.

Alte und neue Elemente greifen ineinander und erzeugen eine vielschichtige visuelle Komplexität. Was zunächst widersprüchlich erscheint, folgt einer klaren funktionalen Logik. Dieses dynamische Zusammenspiel der architektonischen Elemente wird durch die Vielzahl an Künstler:innen, Kulturschaffenden und Initiativen, die den Ort nutzen und prägen, weiter verstärkt und macht das ZK/U zu einem zentralen Ankerpunkt für Kunst und urbane Interaktion im Moabiter Kiez.

Das Gebäude lässt sich mit der Hinterbühne eines Theaters vergleichen. Seine rohe, bewusst unfertige Ästhetik senkt die Schwelle zur Aneignung. Die Architektur erlaubt Fehler, Veränderungen und Weiterentwicklungen. Architekt:innen, Bauherrschaft und Nutzer:innen agieren gleichberechtigt im Raum – keiner dominiert den anderen. Es ist eine Architektur der Demokratie.

Nicht zuletzt spielten die Kosten eine entscheidende Rolle in der Entwurfslogik. Der Ausbau wurde durch Mittel der Europäischen Union, des Bundes, des Landes Berlin sowie des Quartiersmanagements Beusselstraße finanziert. Ziel war es, mit minimalen Mitteln ein Maximum zu erreichen.

Das Gesamtbudget für alle Kostengruppen beläuft sich auf 6.166.200 €. Je nach Berechnungsgrundlage ergibt sich ein Preis von 2.489 €/m² brutto oder 2.029 €/m² brutto – beides deutlich unter den heutigen Kosten für ein Einfamilienhaus. Angesichts der überwiegend öffentlichen Finanzierung ergab sich eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Diese spiegelt sich in der effizienten Nutzung von Ressourcen sowie im klaren Anspruch wider, ein nachhaltiges, kosteneffizientes Gebäude zu realisieren, das zugleich hohe räumliche und funktionale Qualität bietet.

Laudatio der Jury

Der Sonderpreis geht an die Erweiterung des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Berlin von Peter Grundmann Architekten.

Das Projekt zeigt beispielhaft, welches Potenzial im Weiterbauen mit Stahl liegt. Anstatt den Bestand zu ersetzen, wird er durch eine präzise gesetzte Stahlkonstruktion ertüchtigt und weiterentwickelt. Der neue Stahlbau übernimmt dabei nicht nur eine ergänzende Rolle, sondern ermöglicht mit seiner großen Spannweite eine Aufstockung, die im Erdgeschoss einen stützenfreien Raum schafft und damit die Möglichkeiten des Stahlleichtbaus konsequent auslotet.

Besonders bemerkenswert ist die Qualität der konstruktiven Details an den Schnittstellen zum Bestand. Hier wurden Stahlbaulösungen mit hohem konstruktivem und architektonischem Anspruch entwickelt. Sie zeigen klar die Grenze zwischen Alt und Neu, passen sich jedoch sensibel an die Bruchkanten und Unregelmäßigkeiten des Bestandes an, ohne ihn zu überformen.

Im Bereich der außenliegenden Erschließung gehen Bestand und Erweiterung fließend ineinander über und machen das Weiterbauen auch räumlich erfahrbar.

Mit begrenzten finanziellen Mitteln gelingt hier hochwertige Architektur im Bestand. Möglich wird dies durch eine klare architektonische Haltung und eine große konstruktive Kompetenz im Umgang mit dem Material Stahl – bis hin zur Präsenz des Architekten auf der Baustelle.

Die Erweiterung des ZK/U steht damit beispielhaft für ein baupolitisch hoch relevantes Thema unserer Zeit: Revitalisierung statt Abriss, Weiterbauen statt Flächenverbrauch, und ein neuer Lebenszyklus für bestehende Gebäude.

Die Jury honoriert dieses Projekt, weil es in besonderer Weise die Relevanz des Stahlbaus für ein ressourcenschonendes und kreislaufgerechtes Bauen sichtbar macht.