Text von Helmut Hagmüller / schaudt architekten

Ort

Der Standort für die Seebühne liegt sehr prominent im Seegarten, in einer öffentlichen Parkanlage in der Ortsmitte von Allensbach, direkt am Gnadensee und mit traumhaftem Panoramablick auf den Ort, den See, die Insel Reichenau, die Mettnau und den Hegaubergen sowie der Höri und den Schweizer Alpen.

Der Standort selbst ist bekannt für die traumhaften Sonnenuntergänge über dem See, die von hier aus erlebt werden können.

Leitidee „Eine neue Seebühne im Seegarten – Ein Mehrwert für Bürger und Besucher von Allensbach“

Das Entwurfskonzept zur Formulierung einer zukunftsorientierten Seebühne zeichnet einen städtebaulichen Baustein, der sich in den Kontext des Seegartens harmonisch einfügt und den Besuchern den Blick auf den See auf selbstverständliche Weise ermöglicht. Die Bühne stellt sich aber auch gleichermaßen durch seine architektonische Haltung und Ausformulierung als ein neuer vielfach nutzbarer Baustein dar, der für Bürger und Besucher ganzjährig nutzbar ist.

Die Seebühne soll nicht nur für die beiden Konzertreihen „Umsonst und Draußen“ und „Jazz am See“ den optimalen Rahmen für diese hochwertigen Konzerte bieten, sondern auch über das ganze Jahr für die Bürger und Besucher von Allensbach ein Mehrwert sein, indem die neue Bühne auch anderweitig flexibel genutzt werden kann, wenn keine Konzertveranstaltungen stattfinden.

Vielfältige Nutzungsszenarien

Der gewählte Standort und die einfache Gestaltung der Seebühne erlauben vielfältige Nutzungsmöglichkeiten der Seebühne außerhalb des Konzertfalles. Alternativnutzungen sind problemlos möglich, z.B. als

  • Sonnendeck
  • Aussichtsplattform
  • Plattform für private Feiern (Hochzeiten, Geburtstage, etc.)
  • Gästebegrüßung
  • Kirchliche Nutzung (Seeprozession)
  • Strandfest
  • Flohmarkt
  • Suserfest
  • Kinderwoche
  • Vereinsveranstaltungen
  • Treffpunkt für Surfer und Kiteboarder.

Architektur / Materialität / Angemessenheit

Die neue Seebühne soll sich als leichte filigrane Architektur, als Pergola im Park einfügen. Sie soll den Park nicht dominieren, sondern sich bewusst unterordnen. Der Grünraum und die Landschaft sollen den Ort bestimmen. Es wird daher eine minimierte leichte Bühnenkonstruktion aus Stahl und Glas vorgeschlagen. Im Konzertfall grenzen mobile diffuse Schiebeelemente den Bühnenbereich ab. Für andere Nutzungsfälle können diese kompakt zusammengeschoben werden, so dass eine offene vielseitig nutzbare Plattform ohne störende Rückseiten entstehen kann. Die pergolaartige Tragstruktur des Daches ist nur im Bereich der Bühne gedeckt und schwebt förmlich über dem Bühnenboden. Der Bühnenboden schwebt ebenfalls 70 cm über dem Gelände. In die Dachkonstruktion unauffällig integriert sind Führungsschienen für Bühnenvorhänge, Schiebewände und Riggs zur Befestigung von Beleuchtungs- und Beschallungskörpern. Auf der Ostseite des Bühnendaches ist ein kleiner regengeschützter Raum geplant, in dem zum einen die Schiebewände verstaut werden können, aber auch genügend Platz für Bühnenausstattungen und gegebenenfalls Stühle ist. Die vorhandenen Wegebeziehungen werden im Wesentlichen belassen. Der Rundgang an der Ufermauer ist nach wie vor möglich. Im Bereich der neuen Seebühne wird eine großvolumige Trauerweide gepflanzt, die das Bühnendach maßstäblich in den Seegarten integriert.

Tragkonstruktion / Nachhaltigkeit / Wirtschaftlichkeit

Die gesamte Tragkonstruktion der Seegartenbühne wurde nach Abwägung der Vor- und Nachteile mit anderen Baumaterialien in nachhaltiger wirtschaftlicher Stahlkonstruktion konzipiert.

Für eine Konstruktion in Stahlbauweise sprachen folgende Gründe:

  • Stahl reduziert insgesamt den Materialeinsatz sowohl im Bauablauf, aber auch durch die hohe Tragfähigkeit beim Bauwerk selbst.
  • Stahl ist extrem haltbar und langlebig und schont dadurch maximal Ressourcen.
  • Stahl ist für die Kreislaufwirtschaft optimal geeignet (Rückbau, Wiederverwendung, Recycling).
  • Stahl kann durch neue Technologien mit minimiertem CO2-Ausstoß produziert werden.
  • Stahl trägt als Baustoff durch Wiederverwendung zur Reduzierung von Abfallprodukten bei.
  • Stahl ermöglicht durch Vorfertigung eine kurze Bauzeit bei besserer Effizienz.
  • Stahl ermöglicht eine schlanke, filigrane wirtschaftliche Konstruktion.
  • Die filigrane logisch konstruierte Stahlkonstruktion braucht keine zusätzliche Bekleidungen und wird selbst zur gestaltprägenden Architektur, zu einem schnörkellosen Beitrag für eine nachhaltige Baukultur.

Die Tragkonstruktion des Daches und die tragenden Stützen wurden nicht zusätzlich bekleidet und bilden somit das prägende Gestaltungselement der Bühne.

Auch die starren Wandglaselemente wie auch die optisch gleichen Schiebeelemente für die Bühnenrückwand im Veranstaltungsfall, die im Bühnenraum verstaut werden können, wurden in sichtbarer filigraner Stahlkonstruktion mit Glasfüllungen (Vogelschutzglas) ausgeführt. Die Glasfüllungen geben auch im Konzertfall freien Blick auf den See und das traumhafte Landschaftspanorama.

Im Bühnendach wurden im Trägerrost entsprechend Vorgaben des Bauakustikers konkav gekrümmte Metallsegel zur Schalllenkung eingehängt, die für ein optimales Hörerlebnis sorgen.

Laudatio der Jury

Eine Konzertbühne in einem Park, direkt am See – das ist eine Bauaufgabe, für die sich im bürgerlichen Zeitalter eine eigene Typologie ausgebildet hat. In den meisten Fällen ist das Bemühen erkennbar, die Architektur so einzufügen, dass das Gesamterlebnis des Parks bzw. Naturraums im Vordergrund steht, auf keinen Fall aber gestört wird. Stahl als Baumaterial bietet sich dafür an, erlaubt er doch eine filigrane, feingliedrige Architektur, die sich zurücknimmt, mit ihrer Präzision aber auch eine Zutat von eigenem gestalterischen Wert ermöglicht.

Die Seebühne in Allensbach am Gnadensee aktualisiert die Bauaufgabe auf überzeugende Weise, indem sie die Stimmung des Ortes, den Blick über den See auf die Schweizer Alpen, die Erscheinung und Nutzbarkeit des Bauwerks und die derzeit viel diskutierten gesellschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe des Bauens – Stichworte Nachhaltigkeit, Wiederverwendbarkeit, Inklusion, Nutzungsoffenheit – zusammenklingen lässt. Schaudt Architekten aus Konstanz, die für die Planung verantwortlich zeichnen, haben der Aufgabe eine Lösung abgerungen, die das Leben an diesem Ort mit vielfältigen Möglichkeiten bereichert, und ihr jenes nötige Maß an Poesie beigemischt, die das Erlebnis des Ortes und der dort stattfindenden Veranstaltungen überhöht. Ein „schnörkelloser Beitrag für eine nachhaltige Baukultur“, wie die Planer selbst schreiben – und ein großer Auftritt für das Bauen mit Stahl im Hier und Jetzt.