Erläuterungsbericht und Bildmaterial von Jana Winkelmeyer, Angelina Isabel Schreyer, Carolin Springob, Kristin Luise Paul, Bianna Oliwi Bojaanowicz und Veliana Emilova Despodova zur Einreichung beim Förderpreis des Deutschen Stahlbaues 2026

Aufgabenstellung

Im Zuge der geplanten Sanierungsarbeiten der bestehenden Aula der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entsteht die Notwendigkeit eines temporären Ersatzgebäudes, das für einen Zeitraum von etwa zehn Jahren als Veranstaltungs- und Versammlungsort dienen soll. Ziel des Entwurfs ist es, eine funktionale, architektonisch hochwertige und nachhaltige temporäre Aula zu schaffen, die sich harmonisch in das historische Umfeld des Bonner Schlosses und des Hofgartens einfügt.

Die neue Aula soll als flexibel nutzbarer Raum konzipiert sein, der unterschiedlichsten universitären Veranstaltungen – von feierlichen Anlässen über Vorträge bis hin zu kulturellen Darbietungen – gerecht wird. Besondere Anforderungen bestehen hinsichtlich der Akustik, der Barrierefreiheit sowie der räumlichen Flexibilität, um eine vielseitige Nutzung zu gewährleisten.

Konzeptidee

Ziel des Entwurfs ist es, einen qualitativ hochwertigen und atmosphärisch überzeugenden Raum zu schaffen, der trotz seiner temporären Nutzung einen bleibenden architektonischen Wert vermittelt. Die Aula soll nicht als provisorische Lösung erscheinen, sondern als eigenständiger Baukörper, der sich respektvoll in das historische Umfeld des Bonner Schlosses und des Hofgartens einfügt.

Der Entwurf orientiert sich an der bestehenden Wegeführung vor dem Schloss, die als zentrale Achse genutzt wird. Entlang dieser Achse entsteht ein von zwei Seiten erschließbares Foyer, das als einladender, transparenter Eingangsbereich fungiert und eine klare Orientierung bietet. Die Aula schließt direkt daran an, sodass ein logischer, barrierefreier und funktionaler Raumfluss entsteht, der Besuchern und Nutzern kurze Wege und einfache Orientierung ermöglicht.

Der Baukörper folgt einem klaren, linearen Prinzip: Zwei kompakte Kopfbereiche rahmen den zentralen Veranstaltungsraum ein. Hier befinden sich die Technik- und Nebenräume sowie der Bereich für die Darstellenden, wodurch eine funktionale Trennung von Publikums- und Bühnenzonen entsteht. Der zentrale Raum öffnet sich großzügig zur Bühne hin und bietet Platz für rund 600 Zuschauerinnen

Das aufgeständerte Gebäude vermeidet starke Eingriffe in den Boden und betont durch seine leichte

Anhebung die zeitliche Begrenzung seiner Existenz. Gleichzeitig entsteht darunter ein schwebender, fast pavillonartiger Eindruck, der dem Ort eine gewisse Leichtigkeit verleiht.

Gestalterisch verfolgt der Entwurf das Ziel, eine kompakte, klare und zeitlose Form zu schaffen – eine einfache, präzise „Kiste“, die durch ihre Proportionen und Materialität überzeugt. Das gewählte Kaltdach ermöglicht eine unaufdringliche Integration der technischen Infrastruktur und unterstützt die ruhige, horizontale Gesamtwirkung des Gebäudes.

Im Mittelpunkt steht die Idee einer nachhaltigen und zukunftsorientierten Temporärarchitektur: Ein Gebäude, das nicht nur für zehn Jahre funktioniert, sondern durch seine modulare Struktur und lösbaren Verbindungen für neue Kontexte wiederverwendbar ist. So entsteht ein flexibler, ressourcenschonender Raum, der sowohl in seiner Nutzung als auch in seiner Lebensdauer einen bewussten Umgang mit Material und Umwelt widerspiegelt.

Konstruktionskonzept

Das Tragwerkskonzept der temporären Aula basiert auf einem klar strukturierten Stahlgerüst, das den gesamten inneren Aufbau trägt. Der Rahmen besteht aus doppelten L-Profilen, die im Fachwerkstil verschraubt werden und eine zangenartige Struktur bilden. Zwischen diesen „Zangen“ sind laschenförmige Verbindungselemente angebracht, an denen die Holzständerelemente für Wände, Decke und Boden befestigt werden. Gleichzeitig dienen diese Laschen als befestigung der Aussteifung des ganzen Gebäudes.

Alle Lasten des Baukörpers, einschließlich Eigengewicht, Nutzlasten und technische Lasten, werden über das Stahlgerüst und dessen Aussteifungen abgeleitet.

Die Holzständerelemente sind in standardisierten Größen vorgefertigt, sodass sie einfach transportiert, gelagert und montiert werden können. Diese Modularität ermöglicht einen effizienten Aufbau und Abbau und unterstützt die temporäre Nutzung des Gebäudes. Auch der Stahlrahmen kann größtenteils vorgefertigt geliefert werden, sodass die Montage auf der Baustelle schnell, sicher und ressourcenschonend erfolgt.

Bauablauf

1. Fundamentierung

Zu Beginn erfolgt die Ausrichtung der Punktfundamente aus Betonfertigteilen (90 × 90 × 110 cm). Anschließend werden die Stützen und Hauptträger (IPE 300) auf den Fundamenten montiert. Die Verbindung der Elemente erfolgt mittels Ankerschrauben und Kopfplatten, wodurch die tragfähige Basis des Bauwerks entsteht.

2. Aufbau des Primärtragwerks

Im nächsten Schritt werden die Fachwerkrahmen (L-Stahl 100 / 65 / 7 mm) auf der Baustelle vorgefertigt und verschraubt. Die vorgebohrten Schraubstellen erleichtern die Montage. Nach dem Zusammenbau werden die Koppelstäbe und Nebenträger (IPE 180) angebracht. Die Bodenträger übernehmen dabei eine zusätzliche Zugbandfunktion zur Stabilisierung. So entsteht das stabile Stahltragwerk der Aula.

3. Montage der Bodenelemente

Nach Abschluss der Stahlkonstruktion erfolgt die Verlegung der Bodenelemente auf den Hauptträgern. Diese bestehen aus KVH-Profilen 14/24 cm und 8/24 cm, innen mit OSB-Platten (22 mm) beplankt und gedämmt. Die Elemente werden exakt ausgerichtet und verbunden, um eine gleichmäßige, tragfähige Fläche zu schaffen.

4. Errichtung der Außenwände

Die Außenwandelemente in Holzrahmenbauweise (ebenfalls KVH 14/24 cm und 8/24 cm) werden vor Ort aufgestellt und temporär abgestützt. Die Beplankung erfolgt innen mit OSB 22 mm und außen mit Holzfaserdämmplatten 80 mm. Anschließend werden die Elemente lotrecht ausgerichtet und kraftschlüssig befestigt.

5. Deckenmontage und Aussteifung

Im fünften Bauabschnitt werden die Deckenelemente am Stahlrahmen eingehängt und befestigt. Gleichzeitig erfolgt die Lagesicherung der Außenwände an den Decken. Durch diese Verbindung wird das Gebäude räumlich und statisch vollständig ausgesteift.

6. Dach- und Fassadenmontage

Darauf folgt die Montage der Dacheindeckung aus Trapezblech 100/275 mm mit Nebenträgern IPE 180. Regenrinnen und Fallrohre (Ø 200 mm / 50 mm) werden angebracht. Optional werden Photovoltaik-Paneele installiert. Parallel erfolgt der Einbau der Fensterfassade mit Holz-Alu-Rahmenprofilen, Schallschutzisolierglas und Sonnenschutz. Abschließend werden Innenwände und Geschossdecken eingesetzt, wodurch der Baukörper geschlossen wird.

7. Innenausbau und Fertigstellung

Der Innenausbau umfasst die Verlegung der Fußbodenheizung, den Einbau von Trittschall und Wärmedämmung, die Montage der Estrichplatten (20 mm) sowie das Parkett (15 mm). Im Bereich der Fassade werden Akustikpaneele und eine horizontale Holz-Stülpschalung angebracht. Nach Installation der technischen Anlagen (Heizung, RLT, Elektro) wird der Innenausbau abgeschlossen und das Gebäude ist betriebsbereit.

Zusammenfassung

Das modulare Konstruktionssystem der temporären Aula ermöglicht einen präzisen, schnellen und rückbaubaren Bauablauf. Durch die Kombination aus Stahltragwerk und Holzrahmenbauweise entsteht ein flexibles, nachhaltiges und wiederverwendbares Baukonzept, das speziell auf die Anforderungen des Hochschulkontexts abgestimmt ist.

Nachhaltigkeit im Bauzyklus

Das Konzept der temporären Aula stellt einenvbewussten Gegenentwurf zur traditionellen, dauerhaft errichteten Architektur dar. Während viele Bestandsgebäude vergangener Jahrzehnte ohne Rücksicht auf spätere Umnutzungen oder Rückbau konzipiert wurden, ist diese Bauweise von Beginn an auf Flexibilität und Kreislauffähigkeit ausgelegt.

In herkömmlichen Altbauten führen fest verbaute Materialien, komplexe Tragstrukturen und nicht trennbare Schichten häufig dazu, dass Sanierungen und energetische Ertüchtigungen nur mit großem Aufwand oder erheblichem Materialverlust möglich sind. Dadurch entstehen hohe Ressourcen- und Energieverbräuche, und wertvolle Baustoffe gehen am Ende ihres Lebenszyklus unwiederbringlich verloren.

Die temporäre Aula hingegen basiert auf einem modularen Bauprinzip, das eine einfache Montage, Demontage und Wiederverwendung der einzelnen Elemente ermöglicht. Stahlprofile, Holzrahmenmodule und Fundamentfertigteile sind sortenrein trennbar und können am Ende der Nutzungsdauer entweder an einem neuen Standort wiederverwendet oder stofflich recycelt werden.

Dieses Denken in geschlossenen Materialkreisläufen reduziert nicht nur den Rohstoffbedarf, sondern verlängert auch die Lebensdauer der eingesetzten Bauteile über den eigentlichen Standort hinaus. Damit zeigt das Projekt, wie nachhaltiges Bauen im Sinne der zirkulären Bauwirtschaft funktionieren kann – durch Planung, die Veränderung und Wiederverwendung von Anfang an mitdenkt.

Laudatio

Ausgezeichnet wird die Semesterarbeit „Modulares Bauen im Hochschulkontext – eine temporäre Aula für die Uni Bonn“, erarbeitet von sechs Studierenden der RWTH Aachen University. Beteiligt waren die Lehrstühle für Baukonstruktion, Tragkonstruktion und Gebäudetechnologie – eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die sich in der Qualität und Konsequenz des Entwurfs eindrucksvoll widerspiegelt.

Dieses Projekt denkt das Bauen vom Ende her. Es fragt nicht nur: Wie bauen wir? – sondern ebenso selbstverständlich: Wie bauen wir wieder zurück?

Im Zentrum steht eine temporäre Aula für die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Doch der Entwurf geht weit über die Lösung einer Einzelaufgabe hinaus. Er formuliert ein zirkuläres System, das konsequent auf Nachhaltigkeit und Wiederverwendbarkeit ausgerichtet ist. Stahl wird hier nicht als einmaliger Baustoff verstanden, sondern als Material in einem geschlossenen Kreislauf – präzise gefügt, lösbar verbunden, sortenrein rückbaubar.

Die große Stärke des Projektes liegt in seiner Einfachheit.

Ein reduziertes, klar strukturiertes Baukastensystem mit einem hohen Maß an Standardisierung bildet die Grundlage. Die Bauteile sind auf kleinstmögliche logistische Einheiten optimiert – transportierbar mit einfachsten Fahrzeugen, effizient lagerfähig, schnell montierbar. Diese logistische Intelligenz ist kein Nebenaspekt, sondern integraler Bestandteil des architektonischen Konzepts.

Gerade für eine temporäre Nutzung erweist sich diese Einfachheit als genial:

Kurze Aufbauzeiten, minimale Eingriffe in die Umgebung, ein ebenso unkomplizierter Rückbau. Das Gebäude hinterlässt kaum Spuren – weder physisch noch ökologisch.

Gleichzeitig überzeugt das System durch seine funktionale Variabilität.

Was als Aula gedacht ist, kann ebenso Theaterraum, Messehalle oder Sportstätte sein. Die Konstruktion ermöglicht unterschiedliche Szenarien, unterschiedliche Atmosphären, unterschiedliche Anforderungen – ohne ihre strukturelle Logik zu verlieren. Diese Mehrfachnutzung verlängert nicht nur die Lebensdauer des Systems, sie erhöht auch dessen gesellschaftlichen Mehrwert.

Besonders hervorzuheben ist die ganzheitliche Durcharbeitung – von der konzeptionellen Idee über Tragwerk und Baukonstruktion bis hin zur Gebäudetechnologie. Hier wurde nicht in Disziplinen gedacht, sondern im Zusammenspiel. Man erkennt eine professionelle Interaktion aller Teammitglieder. Jede Entscheidung ist auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet. Diese berufsnahe, integrative Arbeitsweise macht das Projekt nicht nur akademisch überzeugend, sondern auch realistisch umsetzbar.

Die Jury würdigt insbesondere:

– den konsequent zirkulären Ansatz,

– die innovative, aber zugleich pragmatische Systemlogik,

– die hohe Standardisierung der Bauteile,

– die logistische Optimierung bis ins Detail,

– das große Potential zur Wiederverwendung,

– sowie die funktionale Offenheit des Raumkonzeptes.

Dieses Projekt zeigt exemplarisch, welches Potential im modularen Stahlbau liegt – gerade im Hochschulkontext, wo sich Bedarfe schnell ändern und temporäre Lösungen gefragt sind. Es beweist, dass Nachhaltigkeit nicht im Widerspruch zu Effizienz steht, sondern aus intelligenter Reduktion entsteht.

Im Namen der Jury gratuliere ich den sechs Studierenden der RWTH Aachen herzlich zum zweiten Preis des Förderpreises des Deutschen Stahlbaues 2026.

Sie haben mit Ihrer Arbeit nicht nur eine temporäre Aula entworfen –

Sie haben ein System entwickelt, das Zukunftsfähigkeit, Verantwortung und konstruktive Klarheit beispielhaft miteinander verbindet.